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#Brexit-Britain 11

Das Unterhaus hatte kaum eine Wahl: Boris Johnsons Deal am 31. Oktober oder einen ungesetzlichen No-Deal. Die Abgeordneten haben mit einer geringen Mehrheit für Aufschub gestimmt, während Hunderttausende in den Straßen von London, Millionen im ganzen Land gegen den Brexit demonstrieren. Sie wollen die letzte Entscheidung treffen und sich nicht der Entscheidung ihres Parlaments beugen. Was nun? I simply don’t know.

#Brexit-Britain, 10: Remainers & Leavers

Eine Gruppe von Remainers hat ein „Brexitometer“ an der Promenade der walisischen Küstenstadt Aberystwyth aufgestellt: Das ist ein Flipchart mit grünen Punkten, die man in der Kategorie seiner Wahl aufkleben darf:

– EU verlassen mit Deal

– EU verlassen auf Boris Johnsons Weise

– Neues Referendum

– Artikel 50 reaktivieren und in der EU bleiben

Die meisten Aufkleber findet man in der letzten Kategorie. Ich darf mitmachen, obwohl ich nicht walisisch bin, ja nicht einmal britisch, sondern deutsch-europäisch! Darf ich auch mehrere Punkte aufkleben? Nein, das wäre Betrug!

Auf dem Weg zum Busbahnhof drückt mir jemand einen Flyer in die Hand: „Plaid Cymru – Partei von Wales: Eine starke Stimme gegen den Brexit!“ Der Brexit ist eine historische Katastrophe – umso mehr ohne Deal! sagt der Mann. Good luck! rufe ich und laufe ohne Umwege zur Haltestelle. Die Stimmung ist in Wales umgeschlagen, seit hier die Konservativen im Sommer Nachwahlen verloren haben. Immer mehr Waliser sind nun für „Remain“!

Was er vom Brexit halte, frage ich den Busfahrer und halte ihm den Flyer hin. Er habe für „Leave“ gestimmt wie die meisten in Wales 2016, sagt er ein wenig verschämt. Good man! ruft ein Typ in Unterhemd und Jeans, einer meiner Reisegefährten, dessen Alkoholfahne den Bus eindünstet. Es ist elf Uhr morgens und dieser Mann scheint alle gängigen Klischées zu bestätigen: Die Remainers sind gebildet und urban, die Leavers doofe Landeier. Über 40 Prozent der walisischen Farmer werden nicht von Her Majesty’s Government unterstützt, sondern von der EU, sage ich. (Wem sage ich das, da doch die Waliser traditionell nichts von HMG halten und vice versa?) Die EU unterstützt die BBC und die Zeitungen! ruft er. Ich sage nicht, dass das gequirlte Scheiße ist, weil man

  1. auf Englisch nicht fluchen sollte und
  2. der Typ gewaltbereit wirkt.

Seit zwei Tagen heißt es, Boris Johnson und Leo Varadkar hätten eine Lösung für die irische Grenzproblematik gefunden, die Grundlage für einen Deal wäre. Aber kein Mensch weiß, wovon eigentlich die Rede ist. Details haben die Politiker nicht offenbart. Ist es nun ein Deal oder ein umso größerer Bluff? fragt Sophy Ridge in ihrem Kommentar im Bus-Tabloid „Metro“. Und sie gibt sich selbst die Antwort, die ich auf meiner Reise durch England und Wales so oft gehört habe: „We simply don’t know.“

#Brexit-Britain, 9: British Newspaper

Zum ersten Mal dem Falkland-Krieg tagt in Westminster das Unterhaus an einem Samstag, nämlich übermorgen. Nötig ist dies wegen Boris Johnsons Plan, gegen den Benn Act zu verstoßen und Großbritannien ohne Deal aus der EU zu führen. So steht es in „Metro“, dem auflagenstärksten britischen Tabloid, das ich auf der Fahrt von Manchester nach Nordwales durchgehe. Auf der nächsten – gesponserten – Seite erklärt Her Majesty’s Government, wie sich die britische Bevölkerung im Falle eines No-Deal zu verhalten hat. Im Mittelteil der Zeitung findet sich die Nachricht, dass es von nun an für EU-Bürger schwierig bis unmöglich sein wird, sich längere Zeit in der UK aufzuhalten. Fast 8000 Anträge sind bereits abgelehnt worden. Und auf der Leserseite beschwert man sich über den PM – „lächerlich, ein tyrannisches Kleinkind, das sich auf erbärmliche Weise nach dem Empire zurücksehnt.“ Ich frage mich allmählich, wer diese Regierung überhaupt noch unterstützt.

#Brexit-Britain, 8: Alles wird gut…?

Unpredictable. Man kann nicht sagen, was Boris Johnson tun wird. Vielleicht ändert er seine Meinung im allerletzten Moment. Das ist Philippas Hoffnung, besser: Es ist eine ihrer Hoffnungen. In der Küche ihres Hauses in Manchester bereitet sie das Abendessen für uns zu. Es ist klar, dass mindestens zehn größere Problemen nach einem No-Deal auf euch zukommen, sage ich. Erstens … Bitte nicht! ruft Philippa, die in den 70er Jahren in Berlin Psychologie studiert hat. Ich hoffe immer noch, dass jemand Boris das Heft aus der Hand nimmt, wenn er nicht selbst einlenkt. Jemand könnte ihn erschießen, sage ich. Ja, sagt sie, das wäre eine Möglichkeit, an die sie auch schon gedacht habe. Aber vielleicht gebe es ja noch andere Lösungen. Das Ganze sei komplett irre! Madness! In London und Oxford gab es riesige Demonstrationen gegen den Brexit. Ergebnis: 0 Großbritannien liegt in der Hand eines rhethorisch begabten Größenwahnsinnigen. Erinnert dich das an etwas? fragt mich Philippa. Gibt es nicht Parallelen zum Ende der Weimarer Republik? Man findet Gedanken wie diese in vielen Essays zur aktuellen Situation in Großbritannien. Obwohl historische Vergleiche auf allen vier Füßen hinken: Sollte die Geschichte uns nicht etwas lehren?

#Brexit-Britain, 7: Trust, Religion and Thinking Skills

Es gibt einen riesigen Vertrauensverlust in diesem Land, sagt John, mein Gastgeber in Cambridge. Niemand weiß, wem er was glauben soll. Nur eins dürfte nun hoffentlich klar sein: Boris Johnson fährt das Land gegen die Wand. Siddo, mein Gastgeber in Oxford, findet, Brexit sei eine Art Religion geworden, all das habe nichts mit Realpolitik zu tun und auch nichts mit Fair Play. Dass Johnson ein notorischer Lügner sei, habe sich schon in seiner Zeit als Journalist erwiesen. Und natürlich lüge er auch jetzt, wenn er so tue, als ließe ihm die EU keine andere Wahl als No-Deal. Wir sitzen die halbe Nacht vor dem Fernseher, denn die Situation scheint sich zuzuspitzen – sowohl in Brüssel als auch in London. Höhepunkt des Abends ist ein Gespräch zwischen der BBC und EU-Präsident David Sassoli, der heute Gast in 10 Downing Street war. Boris Johnson hat sofort und mehrmals gesagt, dass er die UK am 31. Oktober aus der EU führen wird – mit oder ohne Deal, sagt David Sassoli. Aber das wäre doch gegen den Benn Act, somit rechtswidrig? Sassoli wiederholt seine Worte. Können Sie Boris Johnson als Politiker ernst nehmen? Er ist der britische Premierminister und verantwortlich für das Wohl von Millionen von Menschen, sagt Sassoli. Glauben Sie, dass Boris Johnson an einem Deal interessiert ist? Sassoli wiederholt seine Worte. Sind Sie wütend oder enttäuscht? Ich bin sehr besorgt, sagt Sassoli, um das Wohl von Millionen von Menschen. In Oxbridge ist das Bewußtsein für historische Gemengelagen stärker als irgendwo in Großbritannien. Hier setzt man seit Jahrhunderten auf ein Phänomen, das Revolution, Reformation und der Pest widerstanden hat: Thinking skills. Die Denkfähigkeit des Menschen. Vertrauen wir darauf, beten wir darum, dass man sich sobald wie möglich im ganzen Königreich darauf besinnt.

#Brexit-Britain, 6: Boris-Britain

Was er von der Politik seines Landes halte, frage ich den freundlichen Herrn, der meinen Koffer in die obere Etage des Busses 26 geschleppt hat. Das Straßengefüge von Norwich wird gerade grundsaniert, so dass wir auf der Fahrt von der University of East Anglia zum Bahnhof viel Zeit haben. Mein Begleiter schüttelt den Kopf, alles sei so verwirrend, vielleicht sollte man lieber in der EU bleiben – „but what can we do about it?“ Während er für mich die Fahrzeiten der Züge nach Cambridge googelt, bastle ich an einer Antwort herum, die Wörter wie „Demokratie“ enthält. Aber vielleicht ist Brexit-Britain ja schon längst Boris-Britain?

#Brexit-Britain, 5: The Lost World

Dunwich ist ein unscheinbares Dörfchen in East Anglia, ein kleiner Häuserhaufen an der Küste von Suffolk. Kaum zu glauben, dass hier einst eine der wichtigsten Hafenstädte Englands stand. Im 13. Jahrhundert wurde sie komplett vom Meer verschluckt. So wie Doggerland vor rund 8000 Jahren, das bis dahin England mit Kontinentaleuropa verbunden hatte. We love Europe! rief Johnson vor ein paar Tagen Manchester, was man ihm glauben mag oder nicht. Dass der im Zeichen des Klimawandels anschwellende Meeresspiegel die Erosion der englischen Ostküste beschleunigt, könnte man jedenfalls metaphorisch deuten. In Happisburgh, wo man 800.000 Jahre alte hominide Fußspuren gefunden hat, sind bereits mehrere Häuser zusammengebrochen. Ist Boris der Sendbote höherer Mächte? Wird der britischen Inselstaat bald absaufen? Dunwich zumindest ist schon seit langem eher ein Ort der Fiktion denn der Historie.

#Brexit-Britan, 4:

„Die Weisheit von heute ist der Unsinn von morgen“, sagte kürzlich ein englischer Journalist. Und der Unsinn von gestern oder vorgestern führt nicht zur Weisheit von morgen oder übermorgen. Vorgestern wollte Boris J. sein Land um jeden Preis zum 31. Oktober von der EU losschlagen. Gestern fantasierte er über eine neue parlamentarische Zwangspause. Heute hieß es, er würde die EU um Fristverlängerung bitten, aber das hat er sofort dementiert. Hin und her geht es, und die Briten drehen die Köpfe wie die Zuschauer eines Tennisspiels. Von der englischen Ostküste aus ist man schneller in Amsterdam als in London. Europa ist so nah und vielleicht doch bald so fern. I don’t know. Das höre ich immer wieder in den Pubs der Küstenorte. Als hätten sie sich schon längst aufgegeben, diese Menschen hier. Als gäbe es sie gar nicht mehr.

#Brexit-Britain 3: No Future/The Next Generation

19 war ich zu Beginn meines Studiums wie Kathy, die an der University of East Anglia in NorwichThemengruppen organisiert. UEA ist eine Reformuniversität, ist anders als die traditionsreichen Colleges in Cambridge und Oxford, wo einst Boris Johnson sein Old-Boys-Network formte. Den Student*innen an der UEA geht es nicht um Macht, sondern um Mülltrennung. Und das in einem Land, in dem es massenweise all you can eat in Plastik eingeschweißt gibt. Unsere Zukunft ist schon durch den Klimawandel bedroht, sagt Kathy, Boris Johnson gibt uns den Rest. Wie wär’s mit einer Demo? frage ich und zitiere den DDR-Slogan „Wir sind das Volk!“ Keine Chance, sagt Kathy, die Polizei greift sofort ein. Ich erinnere sie an George Orwells Roman „1984“. Und sage: Ihr müsst etwas tun, Kathy!

#Brexit-Britain 2: Boris Johnson dreht den Spieß um

Boris Johnson dreht den Spieß um: Die Schuld an einem No-Deal-Brexit trägt die EU. Ist sie doch unfähig, seinen guten Willen zu erkennen. Dass der Brexit keine Idee der EU ist, dass Johnson auch jetzt keinen realistischen Kompromiß anbietet – who cares? Wer bitte hält Baby J. endlich davon ab, sein Land zu zerlegen? Achselzucken allüberall, auch auf der Zugreise von London nach Norwich