E-Lektüren#12 – meine Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Seit April 2015 gibt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meine Kolumne E-Lektüren. Hier der zwölfte und letzte Text, der in einer Variante dort erschienen ist.

12. Kolumne „E-Lektüren“

Bekanntlich entdeckten Lyriker das Internet sehr früh für sich. Seit dem Milleniumswechsel findet man Gedichte in großer Zahl auf einschlägigen Portalen und Blogs. Aber zum E-Book hat sich die poetische Avantgarde bisher nicht eindeutig bekannt. Der Grund: Die Dichter tun sich schwer mit dem Stand der E-Book-Technik. Entweder ist eine Digitaldatei so flexibel, dass ich schon durch die Veränderung der Schriftgröße die vom Verfasser vorgesehene Form mit Zeilenumbrüchen usw. außer Kraft setzen kann. Oder das E-Book hat ein statisches Format, ist beispielsweise eine PDF-Datei, also die Digitalversion eines Buches, und somit für die innovative Lyrikszene völlig uninteressant.

Daniela Seel, Dichterin und Verlegerin des angesagten Lyrikverlags KOOKbooks, hat bisher kein Digitalprogramm entwickelt, obwohl sie täglich Gedichte online liest. „Für sinnvoller halte ich es, dass diejenigen, die aufgrund ästhetischer und poetologischer Interessen Digitales als Kunstformat ernst nehmen, entsprechende Formen entwickeln“, schreibt sie mir in einer E-Mail. „Damit meine ich nicht nur genuin digitale Literatur sondern auch eine Poesie, die schon im Schreiben über die Lesbarkeit in E-Books nachdenkt und dadurch anders mit Zeilenumbrüchen usw. umgeht.“

Für eine Erneuerung der Poesie aus dem Geist digitaler Lese- und Schreiberfahrungen interessiert man sich beispielsweise im Verlagshaus Berlin. Das Verlegerteam Andrea Schmidt, Jo Frank und Dominik Ziller lanciert auf der Leipziger Buchmesse eine neue E-Book-Reihe für Gegenwartspoesie, herausgegeben von Marcel Diel. Die Edition Binaer, in der Gedichte zusammen mit Essays, Gesprächen, Kommentaren und Glossaren digital veröffentlicht werden, ist mit einem eigens vom Verlag entwickelten mattgrauen Zeichensatz ausgestattet, dem sogenannten Lyrik-Code. Er zeigt die Struktur der durchgängig im Fließtext präsentierten Gedichte an: Ein Zeilenumbruch wird durch das Lyrik-Code-Zeichen ˇ ersetzt, ein Einzug durch das Zeichen ¬, ein Leerzeichen durch das Zeichen , und vor zwei Zeilenumbrüchen usw. steht jeweils das Zusatzzeichen ∙∙ . Auch gibt es Layoutzeichen für Blocksatz, Flattersatz und Aufzählung. Und Betonungszeichen für eine schnelle oder langsame Lektüre mit hoher oder tiefer Stimme, die aber noch nicht verwendet worden sind. Denn wichtig ist den Erfindern des Lyrik-Codes, dass die Dichter selbst mit dem Zeichenapparat arbeiten, dass sie ihn optimieren, dass sie ihn erweitern. Auf diese Weise könnte es zu einer Erneuerung der Poesie aus dem Geist digitaler Lese- und Schreiberfahrungen kommen. Erste Ergebnisse sollen am Jahresende in der Edition Binaer erscheinen.

Aber es geht auch darum, den Lesern eine neue, dem Lyrik-E-Book gemäße Lektüreerfahrung zu vermitteln. So liest sich bisher beispielsweise ein Auszug aus Heinrich Heines Langgedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen“ im Fließtext folgendermaßen:  „O König! Ich meine es gut mit dir,/Und will einen Rat dir geben:/Die toten Dichter, verehre sie nur,/Doch schone, die da leben.“ In dem Essay, den der junge Lyriker Max Czollek zusammen mit Gedichten in der Edition Binaer publiziert, sieht das Zitat ein wenig anders aus: „¬≈ O König! Ich meine es gut mit dir, ˇ Und will einen Rat dir geben: ˇ Die toten Dichter, verehre sie nur, ˇ Doch schone, die da leben.“

Den berühmten Text kann ich problemlos mit dem Lyrik-Code lesen. Wie aber geht es mir mit Poesie, die ich noch nicht kenne, beispielsweise mit Max Czolleks Gedichtzyklus „A.H.A.S.V.E.R.“? Der Autor, 1987 in Berlin geboren, ist Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs „G13″, Kurator des Lyriknetzwerks „babelsprech“, Mitherausgeber der repräsentativen Reihe „Lyrik von Jetzt“ und Promotionskanditat der Antisemitimusforschung. Er habe, erläutert er in seinem Essay, in dem Gedichtzyklus „A.H.A.S.V.E.R.“ den Ewigen Juden in einen Charakter verwandelt, „der zwischen einer biblischen Josef-Figur, Joseph Goebbels und Iosif Stalin changiert.“ Wie vor ihm der Holocaust-Überlebende Primo Levi überträgt Max Czollek die antisemitische Sage um den zu ewiger Wanderung verdammten Juden auf mörderische Agitatoren und politische Großverbrecher des 20. Jahrhunderts, die für immer in einer aus Sprache geschaffenen Hölle rotieren mögen. „Rache ist eine poetische Haltung“, schreibt der Nachgeborene, der sowohl Verunglimpfung als auch Verklärung des Judentums streng ablehnt.

Aber wie wird das schwere Thema von einem Autor verdichtet, der Jahrzehnte nach dem Holocaust in einem Wohlstandsstaat geboren wurde und nie unter Verfolgung, Hunger, Folter leiden musste? Czollek wählt einen altertümelnden Gottvatersound, reiht unzählige Bildungsreminiszenzen aneinander und verzichtet auf formalästhetische Wagnisse. Der Lyrik-Code, den ich mühelos in meine Lektüre integriere, zeigt eine Gedichtstruktur an, die keine Innovationen birgt: „wer bist du, josef? ˇ malchus, mitglied jener tempelwache ˇ die sich der menschenjagd verschrieben hat ˇ im osten europas ¨ˇ“. Auch gibt es unangenehm oft schiefe Vergleiche („dein name ist schwerer als wüstensand“), und eine unangemessen kalauernde Kapitelüberschrift („Schlaflos in Bet-el“) lässt mich nicht von ungefähr an den Titel der Hollywoodromanze „Schlaflos in Seattle“ denken. Kurz, das im Essay dargelegte Konzept könnte die Stärke dieses E-Books sein, wenn sich der Autor seinem Sujet eher als Dichter denn als Doktorand genähert hätte.

Neben Max Czollek gehört der Siegener Lyriker Crauss zu den ersten Autoren der Edition Binaer. Crauss, 1971 geboren, ist Redakteur der literaturwissenschaftlichen Zeitung „Kritische Ausgabe“, Mitglied des Literaturprojekts „Forum der 13“ und Dozent für Kreatives Schreiben an der Universität seiner Heimatstadt. Die letzten drei seiner zahlreichen Gedichtbände sind im Verlagshaus Berlin erschienen, wo nun in der Edition Binaer „Dieser Junge. Digital Toes“ herauskommt. Der Lyrik-Code erschließt mir die formale Vielfalt dieser Poesie, die nicht durch Rache motiviert ist sondern durch Begehren. Crauss erschafft eindrucksvoll sinnliche Bilder der Erinnerung an „schokoladbittere jungen, denen klatschnass das tuch ˇ an den lenden festklebt“ oder an „ein kind, das du manchmal warst. ¨ˇ ein junge in hohen strümpfen, ˇ ein junge in seide in furchiger weisse ˇ aus augustwüste und acker. ˇ“

Wie Czollek legt Crauss in einem Essay die Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dar, die von aufreizenden Knaben mit erstaunlich schönen Füßen und Botticellilocken handeln. Diese Literatur ist nicht nur selbstreferenziell sondern bezieht sich auch auf Texte von Mayröcker, Sebald, Böhme, Whitman und vielen anderen mehr. Ob eine derart gelungene Verbindung von Lebens- mit Lese- und Schreiberfahrungen durch Experimente mit dem digitalen Lyrik-Code zu einer neuen Poesie führt, wird sich zeigen.

©Elke Heinemann

Max Czollek, A.H.A.S.V.E.R. Mit einem Essay des Autors und einem Gespräch mit Micha Brumlik und Johannes CS Frank, Edition Binaer, Verlagshaus Berlin 2016

Crauss, Dieser Junge. Digital Toes. Mit einem Essay des Autors und einem Nachwort von Matthias Fallenstein, Edition Binaer, Verlagshaus Berlin, 2016

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>