Leseprobe: Katzenhirn

Könnte mir jemand meinen Kopf abnehmen, bitte? Mein Hirn ist unerträglich leicht, so ganz ohne Wörter. Bitte, nehmen Sie mir doch meinen Kopf ab, am besten mit Hals, dann bin ich auch die Stimmbänder los, die sind ja nicht mehr nötig. Und nun noch das Herz und den Unterleib, untrennbar ist das alles miteinander verbunden, man kann es nur komplett abnehmen, als Torso. Die Hände wären auch noch zum Abnehmen da, der Rest spielt keine Rolle, nur ein Paar Armstecken, ein Paar Schenkel und Waden mit zwei Füßen daran, das ist nicht wichtig. Wenn Sie mir jetzt bitte den Kopf abnähmen, dann könnte ich mir in Ruhe beim Sterben zusehen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, das Meer zerwühlt, und ich will sterben, denn die Wörter sind mir im Hirn vertrocknet oder sonst wie abhanden gekommen, ich kann nicht mehr schreiben wie ich will oder soll. Meine Seele ist ein Kätzchen, es sitzt in einem dunklen Stall und schreit. Festgebunden hat es die Bäuerin, als man es ihr brachte, sie sei eine liebe Frau, hieß es, und gut zu Tieren. Festbinden müsse man es schon, damit es nicht fortliefe. So sprach die Bauersfrau und fand einen Strick für meine Seele, himmelblau, sie maß den Umfang des Köpfchens, des Hälschens, des Herzchens. Das Kätzchen biss, kratzte, schrie sich die Stimmbänder rau und wund.  Ruhig, ruhig, es ist besser so für dich, besser als die Freiheit, denn die ist der Tod. Das sagt warnend die Frau vom Land. Mit grober Hand knüpft sie Knoten und Schlinge, einen eisernen Ring findet sie, der das Band hält und einen schweren Stein, das Tierchen wird ihn nicht bewegen können, dazu fehlt ihm die Kraft. Schon legt ihm die Frau das Band um den Hals, die Schlinge zieht sie zu, lässt das Kätzchen zu Boden, es fällt auf staubiges Stroh, bedeckt mit Hühnerfedern und Kot. Das Tier wütet sofort gegen das Band, springteufelt zwischen kotbespritzten Wänden mit Geschrei und immer so weiter. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. Ich finde keine Wörter, nur den drohenden Blick der Bäuerin, Psyche ist so ein Wort, aber was ist sie ohne Amor, ein zitterndes Fellchen. 
 
(Ende der Leseprobe)