Leseprobe: Abschied von Prenzlauer Berg

Kollwitz-Markt, Berlin-Prenzlauer Berg: Sozialer Brennpunkt, an dem sich Materialismus, Langeweile und Leere zu einem metastasierenden Morbus verknoten, den ich German Psycho nenne, in Anlehnung an Bret Easton Ellis Roman American Psycho. Dass er sich an den Film erinnere, sagt einer kauend am Curry-Wurst-mit-Champagner-Stand. Das Buch kenne er nicht, zum Lesen finde er die Zeit nicht, seit Jahren nicht. Lesen und Schreiben ist mein Beruf, sage ich wie aufgezogen, ich komme mir vor wie ein exotisches Insekt, hinter Glas auf eine Nadel gesteckt, dazu ein Schildchen mit sorgfältiger Beschriftung: Letzte Schriftstellerin aus dem Kollwitz-Kiez. Ein Westgewächs, das nach dem Mauerfall ostwärts wucherte, wo jeder schrieb, malte, komponierte, musizierte, performte. Auch las man hier, ja, man gewöhnte sich das Rauchen wieder an, weil in den Romanen der Nachbarn alle rauchten. Jetzt ist im Kollwitz-Kiez nicht nur Rauchen uncool sondern auch Lesen. Dabei laufen die Geschäfte des lokalen Buchhandels nicht schlecht. Gefüllte Bücherregale sind nämlich ein must have bei der Innengestaltung sanierten Altbaueigentums. Und Blindbände, sagt das Interior Design Studio, sind nicht authentisch genug.

Zurück zum Kollwitz-Markt, zurück zur Curry-Wurst: Das erste fastfood der Berliner Bolles wird hier mit Champagner, Trüffelpommes und Blattgold serviert. Kein Protestposter, das hungernde afrikanische Babys zeigt. Proteste gehören nicht in die forever-young-and-happy-world, die sich neuerdings mit gastronomischen Einrichtungen für Menschen under eight brüstet. Auch lässt sich die Dekadenz im Kiez an der Ausbreitung italienischer Badausstatter ermessen. Central Prenzl’berg ist die ideale Kulisse des deutschen „Sex and the City“-Remake. Wahrscheinlich ist man schon am Werk. Filmteams versperren ganze Straßenzüge. Vergeblich sucht die Altanrainerin einen Parkplatz, obwohl sie artig die Gebühr für den Anwohnerparkausweis bezahlt. Auch die Sanierung der unebenen Fahrbahnen und Trottoirs, die die Gleichschaltung Prenzlauer Bergs mit Schwabing vorantreibt, blockiert Parkraum. Zudem besitzt jeder Neue einen Wagen, der mindestens zwei bis drei Anwohnerparkausweise kosten müsste: Mit einem PKW von Länge und Breite eines LKWs, den er mit Mühe durch die trabantgerechten Kopfsteinpflastergassen steuert, behindert er sich und andere bei der Parkplatzsuche.

Was sagt Ihr Anlagenberater? Vorsicht vor Hochpreisphasen! Was alle wollen, kaufen Sie bitte nicht! Auch keine Eigentumswohnung, besonders dann nicht, wenn bei Zwangsversteigerungen höhere Preise erzielt werden als beim Verkauf. Bitte nicht! Trotz Schuldenkrise und durchlässigen Rettungsschirmen! Aber nein, Sie tun das, was alle tun, ganz gleich, ob Sie aus einer Kleinstadt nahe Stuttgart, München, Hamburg kommen oder aus einer Metropole wie New York, Paris, London: Sie kaufen eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Es freut sich der Makler, es freut sich der Bauträger. Es grämt sich der Anlagenberater. Und es grämen sich die wenigen Alteingesessenen, die es noch gibt. Heimat war einmal. Prenzlauer Berg ist Touristenattrappe, ist Streichelzoo für die Nachkommen der westdeutschen Erbengeneration.

Auch Italiener, Spanier und Griechen kaufen sich gern ein in Prenzlauer Berg, sie investieren die kriselnde Gemeinschaftswährung in eine Wohnung, die zudem viel preiswerter ist als eine Wohnung in Rom, Madrid oder Athen. Vermietet wird an Feriengäste, tageweise. Das größte Gründerzeitgebiet Deutschlands, das größte Sanierungsgebiet Europas, das größte Hostel der Welt. Der Tourist nimmt wohlwollend Anwohner in Kauf, er betrachtet sie mit ethnologischem Interesse. Mich zum Beispiel. Ich bin neben Princess Di und Julia Roberts wohl eine der meist fotografierten Frauen der Welt. Denn das Mietshaus, in dem ich wohne, liegt im Fokus der meist fotografierten Ansicht von Prenzlauer Berg: Der Wasserturm mit dem Fernsehturm im Hintergrund. Zugegeben: Ich mochte diesen Blick auch sehr. Zu Beginn der 90er Jahre freute ich mich, dass ich den Fernsehturm, Wahrzeichen der DDR, von der Ost-Seite aus sah. Dass ich die Seiten gewechselt hatte, dass man das einfach tun konnte! Das war ein gutes Gefühl. Viele kamen und teilten dieses Gefühl. Prenzlauer Berg war für Künstler aus aller Welt ein Paradies mit Einschusslöchern. Geschichte ist das wilde Wohnen in den Nachkriegsruinen, die in der DDR-Zeit maximal mit knirschendem Linoleumersatz ausgestattet worden waren. Irgendwann kam der Sanierungsbescheid, irgendwann mussten wir die maroden Gebäude verlassen. Musiker, Maler, Dichter, Filmemacher wichen nicht mehr ganz jungen, aber hochschwangeren Ehepaaren, die von ihren Eltern ein zinsloses Darlehen für den Kauf des sanierten Altbaus erhielten. Anstelle legendärer Künstlerfeste gibt es seitdem elitäre Kinderfeste, anstelle des bohemian lifestyle gute Aussichten auf private Altersversorgung.

(Ende der Leseprobe)