Leseprobe: Der Brief an den Vater

Der Mensch wird am Du zum Ich.

Martin Buber

Es begann also damit, dass ich einen Brief an den Vater schreiben wollte, ich wollte einen Brief an den Vater schreiben wie der Dichter K., der in seinem „Brief an den Vater“ nicht nur den Vater sondern auch den Sohn erfunden hat, sowohl der Vater als auch der Sohn sind also erfundene Figuren, die Ähnlichkeit mit wirklichen Personen haben, so dass es sich bei dem „Brief an den Vater“, wie ein bedeutender Germanist bemerkt hat, um Dichtung handelt, was nun alle Germanisten wissen, doch selbst wenn dies bisher kein noch so unbedeutender Germanist bemerkt hätte, so könnte mein Vater an dieser Stelle einfallen und dabei schallend lachen, würden alle Germanisten, bedeutend oder unbedeutend, läsen sie erst jetzt davon, vorgeben, es längst bemerkt zu haben und wissend mit den Köpfen nicken wie die künstlichen Hunde, die man manchmal auf den Hutablagen der Autos sehe. Wenn nur einer von ihnen, beispielsweise bei einem Dichterwettstreit im Fernsehen, die Aufmerksamkeit auf einen Dichter lenke, würden in der Regel alle Germanisten auf diesen Dichter aufmerksam, schrieben und sprächen über ihn, anstatt zu schweigen, was, könnte mein Vater rufen, während sein Gesicht rot anliefe, in der Regel das beste wäre! Aber Germanisten gäben gern vor, alles über Dichtung zu wissen – wie übrigens mein Vater selbst, der, im Unterschied zu K. und mir, niemals Germanistik studiert hatte, sich aber leicht über alle Germanisten erheben konnte und dies auch mit großer Selbstgewissheit tat. Germanisten, könnte mein Vater in wiedergefundener Ruhe, die heißen Wangen mit einem gebügelten blütenweißen Taschentuch abtupfend, ausführen, seien in der Regel anmaßend und zudem chaotisch, wie beispielsweise der Dichter K., der zwar am Ende Jurist geworden sei, aber immerhin noch Germanist genug gewesen sein müsse, um ein unvergleichlich anmaßendes und chaotisches Werk verfasst haben zu können, das zu ordnen K. selbst offenbar unfähig gewesen wäre, das ich gleichwohl in einem Brief an meinen Vater gelobt hätte, die ich eben auch Germanistik studiert hätte, und zwar auf Kosten des Vaters, der im Verlauf meines Studiums immer unzufriedener geworden wäre, weil ich im Verlauf meines Studiums immer anmaßender und chaotischer geworden wäre (man könnte sich vorstellen, das seine kurzsichtigen Augen hinter der Arno-Schmidt-Brille dabei hart blinzelten, was meinem Vater aber nicht das Aussehen eines Dichters vom Ansehen Arno Schmidts verliehe, sondern das eines mathematisch begabten höheren Beamten, der er tatsächlich war, der er aus eigener Kraft geworden war, aus eigener Kraft hatte er sich, wie er sagte, hochgearbeitet, er, der von niedriger Herkunft war, hatte sich aus eigener Kraft hochgearbeitet, um ein höherer Beamter zu werden, was ihm ermöglichte, mir, seiner Tochter, ein Germanistikstudium zu ermöglichen, wenn-gleich er im Verlauf meines Studiums, eigenen Angaben zufolge, immer unzufriedener wurde, weil ich im Verlauf meines Studiums, wie er meinte feststellen zu können, immer anmaßender und chaotischer wurde), und was wären die Folgen von Anmaßung und Chaos wenn nicht größere Anmaßung, wenn nicht größeres Chaos, so mein Vater weiter, das kein kalkuliertes Intermezzo auf dem Weg zur Lösung sei, wie das kalkulierte Intermezzo, das man beispielsweise bei der Beschäftigung mit dem Solitärkno-belspielzeug „Der Zauberwürfel“ anstrebe, der aus 26 klei-nen Würfeln besteht, angeordnet zu sechs drehbaren, ver-schieden farbigen Flächen, die man verstellen und dann ver-mittels wohldurchdachter, aus mathematischen Regeln ab-leitbarer Strategien neu ordnen kann, eine Aufgabe, die mein Vater aufgrund seiner mathematischen Begabung vor-bildlich löste, im Gegensatz zu mir, die ich in hohem Maße mathematisch desinteressiert und unbegabt bin, so dass mein Vater bei den gelegentlichen Beweisen meines Unver-mögens auf mathematischem Gebiet die Vaterschaft offen anzweifelte, und die ich, seiner Ansicht nach, in diesem Sinne ein Leben führte, das einem unstrategischen, nicht lö-sungsorientierten Chaos gleichkäme, ein chaotisches, un-strategisches, nicht lösungsorientiertes Leben, das ich in verantwortungsloser Weise führte, da ich mir anmaßte, ihm, meinem Vater, die Verantwortung für dieses Leben zu über-tragen, indem ich mich als sein Opfer darstellte, wie ein zer-quetschtes Insekt unter seinem Daumennagel etwa, und mein Leben wie etwas, das dahingewürfelt worden wäre! hätte mein aufgebrachter Vater in einem Brief an mich schreiben können, den ich hier auch dann nicht zitierte, wenn ich ihn selbst verfasst hätte und überdies fähig wäre, ihm einen Brief entgegenzusetzen.Mein Vater war, wie gesagt, von niedriger Herkunft, er stammte, wie er freimütig zugab, von einer der vielen ungebildeten, aber, wie er stets hinzufügte, nicht unbegabten Landarbeiterfamilien ab, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Osten, aus Böhmen, Schlesien und Ostpreußen, ins Ruhrgebiet eingewandert waren, nicht, weil die Kultur sie angezogen hätte, die man dort noch kaum finden konnte, sondern das nachtschwarze Sediment des Reviers, sein kostbarer Sockel mit den streifenartig angeordneten Mazeralen, sein glänzender Vitrit, sein matter Durit, sein faseriger Fusit, sein feinstäubiges Anthrazit, seine silber- bis staubgraue Gas-, Flamm-, Gasflamm-, Mager-, Fett- und Eßkohle, die umgeben war von den versteinerten Abbildern urzeitlicher Wesen. All das fanden die kunstsinnigen Vorfahren meines Vaters an den subterranen Arbeitsplätzen der Brennstoffförderindustrie, die man heute dort nicht mehr findet, stattdessen findet man heute dort Kulturindustrie und Industriekultur, Bergwerke, umdekoriert zu Freizeitparks mit hohem Unterhaltungswert, in denen man etwas lernen kann über die Geschichte der Region, die jetzt eine Geschichte hat, nachdem alles zu Ende gegangen ist, was dort Geschichte hat machen können, und am Anfang der Geschichte entsteht dort Kultur, mehr noch, auf den ungenutzten Gleisen der stillgelegten Zechenbahnen entstehen Kulturen, zarte Gewächse, die man dort seit der Vertorfung und Inkohlung lokaler Sumpfmoorwälder in Präkambrium und Altpaläozoikum, Karbon und Perm, Mesozoikum und Tertiär nicht mehr gesehen hat, und die eines Tages Geschichte machen könnten, und da die Geschichte sich oft wiederholt, wird es wahrscheinlich wieder die Geschichte eines fossilen Brennstoffs sein, hervorgegangen aus einer ähnlich kohlenstoffreichen Flora wie das Papier meiner antiquarischen Zeitschriftenausgabe mit Briefen des Dichters K., die mein Vater, aufgebracht über Anmaßung und Chaos im Werk K.’s, eines Tages im Ofen verbrannte.Seine Stimme war ein tosender Waldbrand, der eine schroffe Landschaft schwärzte, über die sich ein violetter Himmel in Blitzen entlud, die Hitze drang in die rissigen Felsen ein, die bald unter vereistem Schnee verborgen bleiben sollten bis zum regnerischen Frühling, an den sich ein andauernd heißer Sommer anschloss, die Sonne schien bis zur Erschöpfung, auch an dem Tag, an dem eine kleine, vom Alter gekrümmte Frau sich auf den Weg durch die versengte Steppe machte, den jungen Leuten, die weit vor ihr gingen, etwas nachrufend, ihre Lungen füllten sich mit Luft wie zum letzten Mal, ihr Ruf erreichte die Jungen nicht, die, ohne sich umzublicken, voranschritten, die Distanz erwei-ternd, die Alte konnte nicht mehr mithalten, sie blieb zu-rück, sah die anderen in der Ferne, an der flirrenden Linie des Horizonts verschwinden, wie verschmolzen mit der Glut der blendenden Kuppel.Die Eltern meines Vaters, meine Großeltern väterlicherseits, und die Eltern meiner Mutter, meine Großeltern mütterli-cherseits, verließen Anfang des vorigen Jahrhunderts ihre Heimat, um ins Ruhrgebiet zu ziehen, wo sie die eigenen Prägungen an die kaum vorhandene Gastgeberkultur zu amalgamieren versuchten und überlebensfähige Nachkom-men zeugten, die sich unter erfundenen, die östliche Her-kunft verleugnenden Nachnamen erfolgreich assimilieren konnten. Mein Vater entschied sich bei der standesamtlich beglaubigten Umbenennung für ein Kompositum aus den Nachnamen der deutschen Top Two unseres Bücher-schranks, die überdies denselben Vornamen trugen wie er, Heinich Heine und Heinrich Mann, und deren Schriften, ob mein Vater es wusste oder nicht, habe ich nie erfahren, im Abstand von rund hundert Jahren indiziert worden sind.Die kartonierten Ausgaben ihrer Werke, die ich bei einem Preisausschreiben des Buchklubs gewonnen hatte, dessen Mitglied mein Vater war, nahm ich an mich, als ich begann, an der traditionslosen Hochschule meiner Heimatstadt Germanistik zu studieren, was meinen Vater wiederholt und noch Jahre später, als ich mich bereits mit einer Dissertation über „Anmaßung und Chaos im Werk K.’s“ befasste und einen umfangreichen, rasch zunehmenden Buchbestand besaß, zu der Bemerkung veranlasste, meine Bibliothek bestünde hauptsächlich aus seiner Bibliothek. Tatsächlich waren in seinem Bücherschrank nach meinem Raubzug Lücken entstanden, in denen die Taschenbücher aus der zweiten Reihe aufblitzten, „Lolita“ und „Fanny Hill“, die ich heimlich nachts gelesen hatte, und die sich weder durch Buchklub-Bestseller schließen ließen noch durch die unberührten Reader’s Digest-Hefte oder durch das signalrote Bertelsmann-Volkslexikon, zu dem mein Vater im Verlauf jeder Diskussion mehrfach griff – wenn man die Auseinandersetzungen mit ihm als Diskussionen bezeichnen darf, denn eigentlich waren es verbale Ringkämpfe, bei denen der Gegner, also ich, am Ende unterlag -, um nachzuweisen, dass er im Recht war, im Recht, im Recht!

Mein Vater hatte unseren Nachnamen, Heine-Mann, beim Amt mit Bindestrich eintragen lassen, auf den ich verzichte, weil ich nicht für eine der modisch-emanzipierten Ehefrauen gehalten werden will, die ihren Geburts- vom Ehenamen per Bindestrich absetzen, der auf mich eher wie ein Trennungsstrich wirkt, wie ein Substraktionszeichen. Überdies änderte ich eines Tages meinen Vornamen, der ebenfalls ein Kompositum war, Ella, eine Verbindung von „el“ und „la“, was im Spanischen „der“ und „die“ bedeutet, wobei ich auf das weibliche „la“ verzichtete, nur die erste Silbe beibehielt, „El“, die in der semitischen Poesie den göttlichen Schöpfer benennt, und sie mit dem Diminutivsuffix „ke“ verband, so dass mein Vorname, Elke, nicht zu verwechseln ist mit dem friesischen Vornamen Elke, der eine Kurzform des deutschen Vornamens Adelheid ist. Möglicherweise wurde mein Vater bei der Suche nach einem Namen für sein zukünftiges Kind durch diverse Sprachstudien beeinflusst, die er, ambitioniert, aber von niedriger Herkunft und daher um Bildung in autodidaktischer Manier bemüht, zum Zeitpunkt meiner Geburt betrieb, zumal er das Geschlecht seines zukünftigen Kindes nicht kannte, und bei meiner Geburt war nicht er anwesend, sondern meine komatöse Mutter, deren Vorname, Elisabeth, meinen Vater ebenfalls bei der Suche nach einem Namen für sein zukünftiges Kind angeregt haben könnte, wobei anzumerken wäre, dass meine Mutter Elli genannt wurde, wie eine der Schwestern des Dichters K., aber auch wie die Mutter meiner Mutter, die Elli genannt wurde, weil sie Elisabeth hieß, und wie die Mutter meines Vaters, die Elli genannt wurde, weil sie Elisabeth hieß, wie alle Mütter und Großmütter und Urgroßmütter in der Familie meines Vaters und in der Familie meiner Mutter, die alle Elli genannt wurden, weil sie Elisabeth hießen. Vielleicht war es aber auch eine lösungsorientierte Drehung des Zauberwürfels, die meinen Vater bei der Suche nach einem Namen für sein zukünftiges Kind angeregt hatte, und nach meiner Geburt mag mein Vater zudem in der Verwirrung, die der Anblick der vielen Neugeborenen in der Säuglingsstation des Krankenhauses bei ihm auslöste, gedacht haben, die sehen ja alle gleich aus, wie, sagten Sie gleich, soll das Kind heißen? fragte die freundliche Säuglingsschwester, die Verwirrung meines Vaters wahrnehmend, alle gleich, sagte mein verwirrter Vater und schüttelte den Kopf. „Alle“ gleich umgedreht „Ella“, sagte die freundliche Säuglingsschwester, nickte mit dem Kopf und tupfte behutsam mit einem gebügelten blütenweißen Taschentuch die heißen Wangen meines Vaters ab, der ebenfalls mit dem Kopf zu nicken begann wie einer der künstlichen Hunde, die man manchmal auf den Hutablagen der Autos sieht, ein hübscher Name!

Meine Mutter starb am Tag meiner Geburt, ihre Asche wurde über dem Meer verteilt, das Licht der Welt erlosch, das Schwarz des Himmels floss aus meinen Poren, inmitten der Dunkelheit, hoch über dem schweigenden Nichts, kroch ich über ein zitterndes Seil, das keinen Anfang hatte und kein Ende. Schenkt mir eine Puppe! schrie ich. Ich will eine Mutterpuppe! Die, die man mir brachte, gefiel mir sofort, denn man hatte ihr die Totenmaske meiner Mutter aufs Gesicht geklebt, das Paar geflochtener schwarzer Zöpfe an ihrem Kopf befestigt, sie trug das rotgeblümte Kittelschürzenkleid, das ich sehr mochte, und lächelte das ewige Lächeln der Puppen, der Toten, der Meister aus dem Osten. Die Puppe nahm mich in den Arm, Seite an Seite lagen wir da, es wechselte das Licht mit der Dunkelheit, Menschen kamen, wir bemerkten es nur, weil sie uns Tränenwasser gaben, da es hieß, wir könnten weinen, aber niemand hat uns je weinen gesehen, wir lagen nur da, hielten uns aneinander fest und atmeten flach, eine Ewigkeit lang. Mit der Zeit wurde ich meiner Mutter ähnlich, ich wuchs, ich wurde größer als sie, mein Haar fiel in langen schwarzen Flechten über die Schultern, die Porzellanaugen glänzten, wenn ich der Puppe das Gedicht nachsprach, das sie kannte.

Ich änderte meinen Vornamen, als ich feststellte, dass meine Puppe ihr Aussehen änderte. Es geschah aber zu der Zeit, zu der mein Vater mich das Wort lehrte, das die Puppe nicht kannte, Vater unser, Dein Wille geschehe, denn Du wünschst, dass wir lesen lernen und schreiben, dass wir sprechen lernen, dass wir lernen, Ich zu sagen, ohne Ich zu meinen, ich meine, ohne mich zu meinen, denn im Anfang war das Ich, und das Ich war das Wort, und das Wort war beim Vater, und der Vater war das Wort, das der Vater uns lehrte, Dein ist das Ich, und ich soll kein Ich neben Dir haben, denn Dein ist die Macht, mir das Ich zu geben und es mir wieder zu nehmen, in Ewigkeit, Amen. Dieser Stil entspricht mir nicht, mich verdrängt eine menschengroße Gliederpuppe mit Fäden an den beweglichen Lippen, Vater unser, der Du an den Lippenfäden ziehst, Vater unser, der Du das Wort in das Puppenhirn injizierst, ein Lautsprecher überträgt das Wort in den Außenraum, man hört eine Stim-me, die tiefer ist als meine, ich aber trage die Totenmaske der Dichterin, auf meiner Brust ist ihr Porträt tätowiert, aus dem Geflecht meiner Erinnerungen tritt sie schattengleich hervor, Spruchbänder flattern aus ihrem blutigen Mund, geschliffene Sätze, aus Sprache gedrechselt, nach endlichen Umdrehungen für untauglich befunden und für unvermeidlich zugleich, das bin Ich, möchte die Dichterin sagen, wenn sie Ich sagen könnte, aber ein Ich, das sich anmaßt, ein Gedicht zu sein, wird vom Vater vernichtet, wird vom Vater im Ofen verbrannt.

(Ende der Leseprobe)