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Leseprobe: Du, schreib doch mal einen Roman!

Du, schreib doch mal einen Roman! Einen klugen, atemberaubenden, überwältigenden, herausragenden, hinreißenden, großartigen, faszinierenden, meisterlichen Roman! Du brauchst dafür eine drastische Geschichte, vielleicht aus dem Leben eines berühmten Menschen oder aus deinem eigenen Leben oder aus dem Leben eines nahen Verwandten, aus dem Leben deiner Mutter, deines Vaters, egal ob tot oder lebendig. Eine krasse story, die so oder ähnlich geschehen ist oder geschehen sein könnte. In Schlesien während des Zweiten Weltkriegs. Auf einer Insel im Hoheitsgebiet der DDR. In einer Berliner Altenwohngemeinschaft. Es geht um Flucht und Fronterlebnisse, Alkoholexzesse und Sex, Alzheimer und Krebs. Und immer ein wenig um die Liebe. Dein Buch soll vor allem jene packen, die sich nicht beruflich mit Hochliteratur befassen, die keine kostenlosen Rezensionsexemplare von deinem Verlag bekommen, die mit ihrer Kaufkraft dein Leben finanzieren können.
Punkte mit einem Stoff, der zu Tränen der Freude und des Schmerzes rührt. Quäle Kritik und Leserschaft nicht mit innovativen Erzählperspektiven und riskanten Schreibweisen. Setze auf einfache Dialoge und bildhafte Beschreibungen, verzichte auf bedeutungsvolle Aussagen und tiefsinnige Belehrungen. Erzähle auf eine Weise, die an einen Spielfilm erinnert, den alle kennen könnten. Allerdings solltest du den Spielfilm, den du aus Recherchegründen ansiehst, nicht nacherzählen; falls du ihn dennoch nacherzählen solltest, dann weise darauf hin, dass dein Protagonist die Erinnerung an das eigene Leben mit der Erinnerung an einen Spielfilm verwechselt. So bleibt die Geschichte die Geschichte eines Menschen, die so oder so ähnlich geschehen ist oder geschehen sein könnte, selbst wenn sie zum Teil auf den Erfindungen eines Spielfilms beruht. Es ist eine authentische Geschichte. Oder eine Geschichte, die wie eine authentische Geschichte wirkt. Das ist wichtig.
Du schreibst keine Trivialliteratur, aber du bist nicht weit davon entfernt. Dein Roman ist allgemeinverständlich und doch umweht ihn ein Hauch von Kunst, so dass die Literaturkritik ihn nicht als Historienschinken oder seichte Schnulze klassifiziert sondern als ein Werk des magischen, romantischen, phantastischen oder drastischen Neorealismus, das sich einfacher auf einer halben Zeitungsseite nacherzählen lässt als aleatorische Lyrik. Nur einen einzigen Rezensenten stört, dass deine Sprache immer wieder ins Klischée umschlägt, du die Frage nach Schuld und Sühne nicht stellst, den von dir gewählten Stil nicht reflektierst. Alle übrigen begeistert, dass du das Geschehen gewissenhaft recherchiert und überragend gestaltet hast. Sinnlich! Empathisch! Erschütternd! ist dein Text nach Ansicht der Berufskritiker, die auf binnenliterarisches Bewertungsvokabular komplett verzichten und im Allzumenschlichen schwelgen.