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Leseprobe: Eine endliche Geschichte

Diese Geschichte hätte ich erleben können, aber ich habe sie nicht erlebt, sie hat sie auch nicht erlebt, aber sie hat beobachtet, wie eine andere diese Geschichte erlebt hat, sie sagt, sie selbst hätte anstelle der anderen diese Geschichte erleben können, oder ich, denke ich, aber in diesem Moment betritt die Protagonistin den Ort der Handlung, ich nenne sie C, weil A die Autorin ist und B die Beobachterin, B sagt, C betritt vor mir das Atelier in dem verlassenen Kloster, es wirkt auf uns beide, als wäre es von einer höheren Macht geschaffen worden, während B spricht, frage ich mich, ob A die Empfindungen der Frauen ehrfürchtig nennen sollte oder kitschig, ich sehe die gotische Ruinenkulisse eines Tarkowski-Films vor mir, Nostalghia, aber da beschreibt B schon die himmelwärts weisenden Wände des Ateliers, das Dach ist ausgebrochen, das Licht der späten Sonne fällt in den offenen hofähnlichen Raum, spiegelt sich in den Skulpturen, ein antiker Philosoph hätte die Arbeit des Bildhauers als Abwendung vom Ideal verstanden, nicht als Annäherung an etwas, das spätere Denker das Erhabene nannten und das beide Frauen angesichts des geformten metamorphen Gesteins wahrzunehmen scheinen, C vergisst, auch B vergisst beim Anblick der leuchtenden Kugeln, Quader, Scheiben und Stelen das verstümmelte Gebirge, Memento des Raubbaus, der hier seit Lebzeiten des kunstkritischen Philosophen betrieben wird, man kann den Marmorbruch vom Kloster aus sehen, aber weder C noch B achten darauf, auch mögen sie nicht verstehen, denke ich, lasse ich A denken, dass man das Werk des Künstlers als stilisierten Abfall bezeichnen könnte wie diese Geschichte, die A schreibt auf der Grundlage von Erlebnissen, die B beobachtet hat, die C vergessen will, der Künstler nutzt auf seine Weise Materialreste, nachdem im Marmorwerk Fußböden und Treppenbeläge geschnitten worden sind, Tische und Bänke, Wandfliesen, Waschbecken und Fassadenplatten, grobe Brocken, zu Haufen geschichtet, aus denen er die besten Stücke auswählt, er weiß, welcher Restmüll zur weiteren Verwertung taugt, es ist, als machte er aus Stroh Gold, er wirkt auf die Frauen wie ein moderner Pygmalion, lasse ich A schreiben, gelassen erläutert er, wie und was er erkennt, um das kristalline Gestein weiter zu verwandeln, es seiner Bestimmung zuzuführen, sagt B, Kunst!, sie wirkt wie ein vorlautes Kind aus der ersten Schulklasse, C sieht ihn an, er lacht, und C lacht auch, lachend sehen sie einander an, es ist, als wäre ich nicht mehr im Atelier, sagt B, als gäbe es mich nicht, schon will B gehen, aber C hält sie zurück, umarmt sie lässig, bleib’ doch!, der Künstler hat sich von den Frauen abgewandt, er betrachtet stumm eine unvollendete Plastik, sie muss bearbeitet werden, geschliffen und poliert, das wollen die Frauen tun, immer wieder kommen Frauen, um seine Skulpturen zu polieren, um ihnen den letzten Schliff zu geben, sie reisen aus weit entfernten Gebieten an, sie kommen zu ihm auf die Marmorinsel, vorn, am Eingang des Ateliers, blüht ein Rosenstock in Feuerfarben, ein Aprikosenbaum trägt samtige Früchte, „Frauenfriedhof“ nennt er das aus dem trockenen Boden gestochene Geviert, auf dem die Pflanzen wachsen, B weiß davon nichts, auch C weiß davon nichts, die Frauen aus den weit entfernten Gebieten wissen davon nichts, die Frau, die ihm den Rosenstock schenkte, die Frau, von der er den Aprikosenbaum erhielt, ich habe es zufällig erfahren, wie nebenbei erwähnte er es, als A ihn besuchte, sie interessiert sich für sein Werk, vielleicht auch für ihn?, er lacht, Friedhof, die ersten Silben – hat er sie nie ausgesprochen, hat A sie erfunden? , der Rosenstock blüht, seine Pracht ist nicht harmlos, daneben der Aprikosenbaum, ein hölzernes Fragezeichen, die Sehnsucht der Frauen, die die Pflanzen ins Kloster brachten, veränderte sich unter hohem Druck, Metamorphose folgte auf Metamorphose, das Umwandlungsgestein im Atelier wurde auf diese Weise zu dem, was es ist, grobkristalliner Marmor, den er weiter verwandelt in etwas, das B Kunst! nennt, wobei sie wie ein vorlautes Kind aus der ersten Schulklasse wirkt, zumindest auf ihn und auf C, sie stehen dicht nebeneinander, er zeigt ihr einige Skulpturen, Formen, die er im Gestein aufspürt, die er nicht sucht sondern findet, wie er sagt, so, wie die Frauen ihn nicht suchen sondern finden, denke ich, lasse ich A schreiben, hier, an dieser entlegenen Küste, es ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe, sagt B, die wie A auf der anderen Seite der Insel lebt, wie B denken auch die Frauen, die aus weit entfernten Gebieten anreisen, die bleiben möchten, für immer & ewig, zu einer höheren Macht könnten sie beten, der Künstler möge aus mir die Frau machen, die er will, oder er möge aus sich den Mann machen, den ich will, um ihn kennen zu lernen, reicht die Zeit nicht aus, schon sind die Ferien vorbei, man muss warten bis zum nächsten Urlaub, auch C hat sich laut B zum wiederholten Mal in Klosternähe eingemietet, wo es keine preiswerten Hotels gibt wie auf der anderen Inselseite, die einzige Unterkunft ist eine exklusive Pension, man bietet den Gästen Naturkost an, die C schätzt, eine Vorliebe, die sie mit dem Künstler teilt, unter dessen Blicken sie sich schnurrend windet, sagt B, wie die Katze zu ihren Füßen, die der Künstler Maria nennt oder Mimi nach einer Frau, die auf einer anderen Mittelmeerinsel lebt und Katzen liebt, aber nicht ihn, der sich nach ihr sehnt, der sie verehrt wie andere die Mutter Gottes, denke ich, auch das wissen weder C noch B, A hatte es bei ihrem Besuch erfahren, die Katze war damals noch klein, der Kater ebenso, Rodolfo, er trägt den zweiten Vornamen des Künstlers, Rodolfo und Mimi, das Paar aus der Oper „La Bohème“, dann zeigt der Künstler A den Rosenstock, den Aprikosenbaum, der Nachbar, ein Bauer, bringt Dung, der das Wachstum der Pflanzen fördert, er züchtet die hier üblichen Tiere, Ziegen, Schafe, Hühner, der Künstler lacht wieder und schaut C an, während B beide beobachtet, sie erzählt es A, der Autorin dieser Geschichte, es ist eine Geschichte, die ich meiner Mutter hätte vorlesen können, als ich an ihrem Sterbebett saß, lasse ich A denken, aber diese Geschichte hat sich nach ihrem Tod zugetragen, R.I.P., die Rosen verblühen rasch nach dem Tod der Mutter, es ist Sommer, eine mediterrane Hitze, die Aprikosen reifen frühzeitig, die Haut des Künstlers ist wie gegerbtes Leder, sein Haar hat die Farbe des dunklen Marmors, über den er sich jetzt beugt, der Mutter hätte diese Geschichte gefallen, aber wenn es ihre eigene Geschichte gewesen wäre, hätte sie einen anderen Verlauf nehmen müssen, denkt A, beispielsweise hätte die Mutter ein paar Gläser Wein getrunken, rasch hintereinander, dann hätte sie eine Arie gesungen aus „La Bohème“, einer Oper, die zu einem Künstler passt und zu ihr, die auch zu einem Künstler passt, Rodolfo! ihr lyrischer Sopran, sein lyrischer Tenor, Ich heiße Mimi! singt die Mutter, Mi chiamano Mimi! so die Mutter, die Maria heißt, gebenedeit unter den Frauen, die sich Mimi nennt, der Umstände halber, jetzt und in der Stunde unseres Todes, ist es ihr Gesang oder das Geräusch der Herz-Lungen-Maschine?

(Ende der Leseprobe)