Leseprobe: KIND TÖTEN

Stellen wir uns die Geschichte vom Ende her vor. Das ist das Ende. Das Ende ist der Anfang. Das Kind hätte sterben müssen. Ich hätte sterben müssen, sagt das Kind. Tot war ich ja schon längst. Wen wundert es also, dass ich beschloss, meinem Leben ein Ende zu setzen? Schließlich war ich ein intelligentes Kind, das sagten sogar die Eltern, die schon viel länger tot waren als das Kind, und weil das Kind so zu sein hatte wie sie, musste es auch tot sein, und weil es ein intelligentes Kind war, beschloss es, seinem Leben ein Ende zu setzen, damit es nicht nur tot sondern vollkommen hinüber war. Von drüben hätte es gern bei seinem Begräbnis zugesehen, die Eltern in Schwarz, der Farbe, die schlank macht und elegant, die Eltern, die mit ihrem Freifahrtschein als Erziehungsberechtigte das Kind im eigenen Kinderwagen eigenhändig gegen die Wand gefahren hatten, die Eltern, die am liebsten mit dem Kind Schlitten gefahren sind in ihrem beliebten bunt dekorierten Freizeitdress, die Vater-Mutter-Kind-Töten-Maschine beugt sich nicht zu weit über das offene Grab, man will ja noch ein wenig weiter tot bleiben, bevor man in die Grube steigt, scherzt die Mutter, ihr alkoholisiertes Lachen färbt die Friedhofluft, das Lachen der Mutter ist ein kleines Lachen, ein Lachen so klein wie die Mutter, die klein sein will, ich bin klein, mein Herz ist rein, sagt das Kind, aber ich bin kleiner, schreit die Mutter, immer ist sie kleiner als das Kind und lauter ist sie sowieso, dafür sorgt der Alkohol, der ein Stimmungs- und Stimmenverstärker ist, ich bin kleiner, schreit die Mutter, dein Vater hat gesagt, du musst klein bleiben wie ein kleines Kind, für immer, können Sie sich vorstellen, wie sich ein Kind fühlt, dessen Mutter ein Kind ist und zwar das kleinere von uns beiden und die darauf besteht, es zu bleiben, für immer? Nicht einmal der Tod kann uns scheiden, denn Mutter und Kind sind natürlich eine natürliche Einheit, dazu kommt nur noch der Vater, eine natürliche Dreieinigkeit, klein aber fein. Ich bin klein, sagt das Kind, mein Herz ist rein, sagt das Kind, du hast kein Herz, sagt der Vater, du bist wie ich, und weil du wie ich bist, bist du tot, sagt der Vater, aber im nächsten Leben, sagt der Vater, werde ich mich klonen lassen, dann bist du nicht mehr wie ich, sondern dann bist du ich, das ist viel besser, sagt der Vater, denn dann gibt es die alkoholisierten Anteile der Mutter nicht mehr, die mir doch immer soviel Sorgen machen, obwohl, sagt der Vater, ich die Mutter natürlich sehr liebe, vor allem, weil sie so klein ist wie ein kleines Kind, ich bin klein, schreit die Mutter, ich bin so klein, ich werde immer kleiner, klein ist fein, sagt der Vater, das hast du fein gemacht, sagt der Vater, dafür wirst du immer weiter klein gemacht, sagt der Vater, ich bin auch klein, sagt das Kind, aber ich bin kleiner, schreit die Mutter und der Vater gibt ihr recht, das musst du verstehen, sagt er zu dem Kind, die Mutter ist kleiner als du, das verstehst du doch, oder, du bist doch intelligent, ja, sagt die Mutter, du bist genauso intelligent wie dein Vater, und dann drehen sich der Vater und die Mutter gemeinsam um, und dann verlassen der Vater und die Mutter gemeinsam den Friedhof, und dann bleibe ich einsam auf dem Friedhof zurück. Aber das sieht man natürlich nicht, wenn man hinüber ist, und wenn man hinüber ist, kann man es sich nicht einmal vorstellen, oder? Wer weiß. Also: Bevor ich beschloss, dem Schlagen meines Herzens ein Ende zu setzen, was ja ganz unmöglich war, da ich ja kein Herz hatte, also, bevor ich beschloss, etwas Unmögliches zu tun, das man sich zwar vorstellen, aber doch nicht tun kann, also bevor ich beschloss, meinem Leben ein Ende zu setzen, war ich zwar schon tot, aber ich konnte mir immerhin noch etwas vorstellen. Ein Leben.

Ein Leben, wie es sich das Kind besser nicht vorstellt, 1. Teil: Es ist Nacht, es ist Tag, die Mutter, der Vater, das Kind leben verkehrt auf einer lebensfernen Verkehrsinsel. Es ist Tag, das Leben rauscht an der Verkehrsinsel vorbei ohne anzuhalten, es ist Tag, man hört das Rauschen der Autos, Lastkraftwagen, Busse, Motorräder, pazifisches Rauschen, denkt das Kind, ich war noch nie am Pazifik, aber ich kann mir das Leben am Pazifik sehr gut vorstellen, friedlich ist er, der Pazifik, pax, pacis, peace, Latein und Englisch sehr gut, alle Schulfächer sehr gut, setzen. Es ist Tag, pazifisches Rauschen, schreibt das Kind, pazifisches Rauschen steht nun in seinem Schulheft und pax, pacis, peace. Es ist Nacht, die Mutter schreibt nicht, sie schreit, die Mutter schreit den Vater an, der Vater schreibt auch nicht, der Vater schreit das Kind an, das Kind schreit 333 bei Issos Keilerei, weil es aufgewacht ist, das Kind schreit blood will have blood Macbeth, es ist Nacht, das pazifische Rauschen ist nicht mehr zu hören. Es ist Tag, der Bus rauscht zur Schule, es ist Tag, das Kind sitzt in dem Bus, der zur Schule rauscht, es ist Tag, das Kind, das gefälligst Zahnarztgattin werden soll oder Informatikprofessorin, sitzt in dem Bus, der zur Schule rauscht, aber das Kind will nicht Zahnarztgattin werden oder Informatikprofessorin, aber was will denn das Kind, fragen alle Erziehungsbeauftragten inner- und außerhalb der Schule, es hat doch die Wahl, was willst du denn noch, fragt der Vater, fragt die Mutter, vielleicht ein Gläschen Eierlikör? Mehr gibt es für schulische Leistungen nicht, es ist Tag, das Kind sitzt in dem Bus, der zur Schule rauscht, in der das Kind nichts fürs Leben lernt, aber für die Schule lernt es auch nichts mehr, trenne stets essteh, denn das tut ihm weh, vor allem zwischen den Beinen, wo gerade ein Schmerz so lange bohrt, bis er eine blutige Lache hinterlässt, blood will have blood, sich dann in den Kindskopf schraubt (Zahnspange, Aknewange), so dass das Kind im Bus zusammensackt, ein unhandliches Handgepäck, von harten Erwachsenenhänden gepackt und eins, zwei, drei an die frische Luft gesetzt, heute gehst du einfach mal früher ins Bett. Es ist Tag, es ist Nacht, das pazifische Rauschen ist nicht mehr zu hören.

(Ende der Leseprobe)