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Leseprobe: Vom Überleben der Scham

Erster Fall: Die große schwere Dame flattert wie ein aufgescheuchtes Insekt umher. Ihre hochgesteckte Frisur löst sich, das schwarze Haar fällt auf die nackte Schulter, die das zerrissene Unterkleid aus Gaze, das seidene Korsett mit den Strumpfbändern fast nicht mehr halten kann. Noch weisen die Reste der kunstvollen Frisur, der kostbaren Wäsche sie als Dame aus; bald wird sie lediglich die Nummer sein, die man in ihre Haut ritzt. Wenn sie es soweit überhaupt schafft. Sie bleibt stehen, atmet heftig, trippelt in Lackschuhen weiter. Sie ist umgeben von gröhlenden SS-Soldaten, die ihr die Kleider nehmen, die Pelze, den Schmuck, die sie mit Gewehren herumstoßen wie ein Tier. Ein Kamerad filmt die Szene, die mehr als ein halbes Jahrhundert später im Fernsehen zu sehen ist. Die Zuschauerin könnte sich für die schamlosen Soldaten schämen oder mit der beschämten Dame. Aber sie schämt sich, weil sie das Gerät nicht ausschaltet, obwohl sie das, was sie sieht, nicht gern sieht. Sie schämt sich ihres Voyeurismus, der sich an einem realen Schicksal delektieren kann, als wäre es eine Hollywoodphantasie. Dennoch wird sie über eine andere Art der Scham schreiben. Sie wird über die Scham schreiben, die keine flüchtige, durch Indiskretion hervorgerufene Gefühlsreaktion ist, sondern ein toxischer Zustand. Sie wird über die Scham schreiben, die den Menschen inwendig zersetzt, die ihn zu überleben droht.

(Ende der Leseprobe)