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Leseprobe: Liebesverdachtsgeschichte

Eine Geschichte, die mit einem Wolkenbruch beginnt und unter wolkenlosem Himmel endet, kann keine Liebesgeschichte sein, auch dann nicht, wenn sie es von sich behauptet, es handelt sich vielmehr um eine Liebesverdachtsgeschichte, in der zuerst die Frau den Mann der Liebe verdächtigt, doch am Ende fällt der Liebesverdacht auf sie selbst, obwohl sie ihn mit keinem Liebesgefühl bekräftigten kann, so dass sie sich fragt, wie der Liebesverdacht eigentlich hatte aufkommen können. Über Wolken müsse er nachdenken, hatte er bei ihrer ersten Begegnung gesagt, es schien, als wäre sie angeschwemmt worden, von einem fernen Ufer in die Ostsee gespült und in die Ausstellungsräume der Orangerie getrieben. An Undine dachte er sofort, nein, er hätte sofort an Undine denken können, was er tatsächlich dachte, als er die vom Regen durchnässte Fremde vor sich sah, ist nicht bekannt, er wurde nicht gefragt, die Zeit reichte nicht aus, als man ihn hätte fragen können, war die Geschichte bereits zu Ende und jede Frage hätte zu einer unverhältnismäßigen Verlängerung geführt, so, als gäbe es noch etwas zu erzählen, obwohl bereits alles gesagt war. Undine. Der Künstler könnte an Undine denken, vielleicht, weil ihn der Schlosspark, den man von der Orangerie aus sieht, an einen anderen Landschaftsgarten mit See erinnert, der Fouqué dazu anregte, über Undine zu schreiben. Aber der Herr des Anwesens, zu dem die Orangerie gehört, in der Undine und der Künstler sich jetzt gegenüber stehen, war kein Dichter sondern ein aufgeklärter Aristokrat, er trieb die Reformen voran, die zum Untergang seines Standes führen sollten, und so gibt es in diesem Park schon lange kein Schloss mehr, nur der Marstall ist erhalten und die Orangerie, in der der Mann, von dem hier erzählt wird, seine Kunst zeigt. Über Wolken müsse er nachdenken, sagt er, und sie spricht über einen englischen Maler des 18. Jahrhunderts, der eine Gefühlssymbolik des Wetters erfand, Wolkenformationen malte und ihnen unterschiedliche Empfindungen zuschrieb. Ihr Haar, ihre Kleidung, alles feucht, ein Freund, der ihr für ein paar Tage eine Wohnung auf der Insel zur Verfügung stellt, hat ihr geraten, den Kurzzug zum Schlosspark zu nehmen, die Ausstellung zu besuchen, den Künstler anzusprechen. Seine Augen, denkt sie, aber dann denkt sie, dass seine Augen sie an die Augen des Mannes erinnern, an den sie sich ein paar Jahre lang geklammert hatte wie ein verstörtes Insekt, das ein Holzstückchen mit einem Partner verwechselt, es immer wieder umfasst in vergeblicher Liebesbereitschaft. Und so sieht sie sich den Künstler nun genauer an, er gleicht dem anderen Mann kaum, untersetzte Figur, ganz in Schwarz gekleidet, schmale Brille, das halblange weiße Haar locker zurückgekämmt, der Dreitagebart schimmert silbern. Während sie ihn betrachtet, erzählt er ihr von seinem Leben auf der Insel, lange vor der Wende war er aus der Hauptstadt der DDR gekommen, hatte eine Einheimische geheiratet, die Dorfschöne, sagt er, wie er sie umworben hatte, wird er ihr bei einem zweiten Treffen erzählen, das sie ihm gerade vorschlägt, sie weiß, dass er sich nicht um sie bemühen wird wie um die Dorfschöne, denn sie macht es den Männern leicht, das ist ihre Art, Undinenart, die Männer kommen und gehen, sie stellt ihnen keine Aufgabe, erfindet kein Hindernis, leistet keinen Widerstand. Auch diesem Mann macht sie es leicht, mit wiegenden Schritten betritt sie die Treppe, die zu den oberen Ausstellungsräumen führt. Auf dem Weg zum Bahnhof sagt er, dass er in diesen Tagen seine Stasi-Akte in der Kreisstadt einsehen wolle, er habe es bis jetzt nicht gewagt, am Himmel schwere dunkle Wolken, zwischen die sich hier und da ein gleißender Sonnenstrahl schiebt. Drei Kataloge über seine Arbeit hat er ihr geschenkt, er überragt sie nur um wenige Zentimeter, als sie Seite an Seite auf dem Bahngleis stehen, es ist, als wären sie schon seit vielen Jahren ein Paar. Das zweite Treffen ist vereinbart, sie wird mit dem Bus von der Küste zu ihm ins Innere der Insel fahren, er küsst sie zum Abschied auf beide Wangen, heftig, so dass sie erschrickt.

(Ende der Leseprobe)