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Die Dichterin sitzt und spitzt Stifte und Ohren, allzeit bereit,
der Stimme ihres Hirns zu folgen, des-sen dunkle Gänge (so
stellt sie sich das vor) zu aller-höchsten Höhen führen,
wo ihr Flehen um Ideen er-hört werden mag von jenem Geist,
der sie nicht ver-lassen soll. (Doch nur sie selbst, bemerkt ein
nicht zufällig hier anwesender Kreativitätsforscher,
sieht man in traumdurchtoster Nacht durch das finstere Gefängnis
ihres Schädels irren wie durch einen ro-mantischen Schauerroman.)
Die Dichterin weiß da-von nichts, sie weiß nur, dass
sie nichts wissen soll, will und kann über das, was sich in
ihrem verstiege-nen Oberstübchen abspielt, nicht bei Tag und
nicht bei Nacht. Ein neurologischer Defekt (sagt der Krea-tivitätsforscher),
der „Dichtung“ heißt, weil hier mit der Urkraft
des Sisyphos versucht wird, zu dichten, was sich nicht dichten
lässt, die Kindheitswunde nämlich, die die Dichterin
von allem und allen ande-ren trennt, von den biederen, für
Zeugung, Wartung und Pflege kunstproduzierender Personen denkbar
ungeeigneten Mittelschichtseltern selbstredend, von der omnipotenten
und -präsenten Mama (schon blickt man von der Galerie auf
sie herab, wie sie im Zirkusrund die Peitsche schwingt), vom schwachsin-nigen
Papa (Logorrhöeiker von Geburt, dessen lee-res Geschwätz
zu schizophrener Sprachmanie mu-tiert) und last but not least von
sich selbst. (Und der Geist, wo bleibt der Geist? mag man sich
fragen, doch vergeblich, denn er hat sich aufgegeben, heißt
es.) Ganz willkürlich vollzieht sich die Dichtung (sagt der
Kreativitätsforscher) ohne den Willen der Dichterin, der genauso
unfrei ist wie die Gedanken, die sie unfreiwillig kopiert. Könnte
ich doch, denkt die Dichterin, Sätze voll Pathos und Melancholie
empfangen wie jener Schriftsteller, der den Nach-mittag eines Schriftstellers
beschreibt. (Man stelle sich stattdessen als Titel „Nachmittag
einer Dichte-rin“ vor, der, so stellt sich die Dichterin
vor, einen Beitrag in einer Damenzeitschrift überschreiben
könnte, in der man das Arbeitszimmer (habitare) der aus Anlass
des Artikels schlicht-elegant eingeklei-deten Autorin (PRADA) vierfarbig
präsentiert, ihre zahme Sprechdohle Inge Borg und last but
not least den hurtigen Mops Marzel. Auch könnte es ein Ka-pitel
in einem verschollenen Roman der Droste sein, grübelt die
Dichterin weiter, in dem ein durch gotische Fensterbögen schießender
Sonnenpfeil den Geruch des Siegellacks jenes auf dem Kirschholzse-kretär
liegenden Briefes atomisiert, der unvermeid-lich zu Missverständnissen
führen wird und somit zu weiteren Romankapiteln – schön,
schön war die Zeit...) Wenn der Schriftsteller also an einem
Nach-mittag seine Prosa nicht nur mit dem zuckenden Schatten eines
Vogels zu beleben versteht, sondern auch mit Hundegebell, den Geräuschen
von Motor-sägen und Lastkraftwagen, Schreien und Pfiffen aus
Schul- und Kasernenhöfen, kurz, mit Dissonanzen des Alltags,
die jeden normalen Menschen nach Ansicht der Dichterin allmählich
und gründlich in den Wahnsinn treiben können, dann mag
er sich zu Recht demütig vor dem Blatt verneigen, bevor er
seinen Weg durch das Leben außerhalb der Kunst aufnimmt.
Die Dichterin ringt derweil innerhalb der Kunst um jedes klang-
und/oder sinnstiftende Wort, das dem Leben Schönheit und/oder
Bedeutung geben könnte, um sich alsdann mit zum Gebet verschlungenen
Fingern dem Blatt zu Füßen zu werfen. Und während
der Schriftsteller mit dem Leben und der Kunst Frieden schließt,
der örtlichen Kapelle eine Glocke stiftet und vor sich selbst
erbebt, ohne dass jemand auch nur ein wenig Selbstironie von ihm
forderte, schreibt die Dichterin flugs Postkarten an einen unvermeidlich
unerbittli-chen Geliebten, der leider kein idealer, sondern ein
bestsellerverwöhnter Leser ist und damit viel zu alltäglich
für Musenküsse. Die Form erlaubt ihr, ich zu schreiben
und ich zu meinen, obwohl sie sonst dazu neigt, ich zu schreiben
ohne ich zu meinen, während der Schriftsteller sein zögerliches,
generell zum Abbrechen im Leben und in der Kunst neigendes Wesen
zwar nicht „Ich als Schriftsteller“ nennen möchte,
es aber immerhin „Schriftsteller als ich“ nennen kann
und dies auch ohne zu zögern oder abzubrechen tut. Soviel
für heute über den kleinen Unterschied zwischen Leben
und Kunst, Frau und Mann, Dichterin und Schriftsteller. Oder dürfen
es vielleicht doch ein paar Zeilen mehr sein? Dann werfen wir noch
einen Blick in die Karten, die die Dichterin an den unvermeidlich
unerbittlichen Geliebten schreibt, den sie mit Wucht in das Ohn-machtsmuster
ihrer Kindheit presst, indem sie ihn ohne sein Wissen, Zutun oder
Bestreben auf den el-terlichen Thron hievt, ein Supermann als Super-Ego,
dem sie ihren Körper und ihre Kunst zum Opfer bringen will.
Ein schönes Haus möchte sie für ihn aus den Karten
bauen, ein Einehehäuschen, das er mit Leichtigkeit zerstören
wird. Doch unerfüllte Lei-denschaft erfüllt die Dichterin
mit umso größerer Schaffenskraft. Eifrig sucht sie nach
einer Sprache der Liebe, um Hoch- statt Missachtung zu erzielen.
Muss sie doch (so erläutert der Kreativitätsforscher)
ihr Dasein schwarz auf weiß unter Druck beweisen, und zwar
sowohl dem unvermeidlich unerbittlichen Geliebten als auch den
literarischen Moden, Märk-ten, Meinungsmachern und Machthabern,
den bie-deren, für Zeugung, Wartung und Pflege kunstpro-duzierender
Personen denkbar ungeeigneten Mittel-schichtseltern und last but
not least sich selbst, selbst wenn sie nicht weiß, wer sie
selbst ist. Wer bin ich? fragt die Dichterin ihr Spiegelbild. Aber
ihr Spiegel-bild antwortet nicht. Erkenne dich selbst! sagt die
Dichterin zu ihrem Spiegelbild. Selbsterkenntnis ist der erste
Schritt zur Erkenntnis, so wie Selbstge-machtes der erste Schritt
zur Macht ist. Deshalb will die Dichterin machen, was sie noch
nicht gemacht hat. Einen Roman, zum Beispiel, etwas Einge-machtes,
das man zu allen Jahreszeiten im Haus hat, eine Buchstabensuppe,
die sie umso mehr begehrt, ist sie wieder aufgewärmt. Von
Krieg und Frieden ist die Rede, von Schuld und Sühne wie in
allen Romanen in der Geschichte des Romans. Die Dich-terin erfährt
dabei die ferne Lenkung durch das Wort, die übrigens auch
dem Schriftsteller bekannt ist. Kaum wagt sie es, das Blatt mit
Zeichen zu be-decken, wenn eine Stimme von außen auf sie
einzu-reden scheint, obwohl sie laut und deutlich in ihrem Innenhirn
ertönt. Nicht die Dichterin ist es, die spricht, aber sie
ist es, die schweigt, wenn der unver-meidlich unerbittliche Geliebte,
der leider kein idea-ler, sondern ein bestsellerverwöhnter
Leser ist, die literarischen Moden, Märkte, Meinungsmacher
und Machthaber und last but not least die biederen, für Zeugung,
Wartung und Pflege kunstproduzierender Personen denkbar ungeeigneten
Mittelschichtseltern sie mit Schmutz bewerfen, der ihr von nun
an, wie nach einem bösen Fluch, statt Sprache aus dem Mund
zu quellen scheint. Verloren sind die Wörter, verlassen ist
sie von ihrem Geist und von allen guten Geistern sowie von den
biederen, für Zeugung, War-tung und Pflege kunstproduzierender
Personen denk-bar ungeeigneten Mittelschichtseltern, vergessen
wird sie vom unvermeidlich unerbittlichen Gelieb-ten, den literarischen
Moden, Märkten, Meinungs-machern und Machthabern und last
but not least von sich selbst. Ihr Leben könnte nun so enden
wie be-rühmte Romane beginnen, aber da zwängt sich die
always tückische deutsche Sprache erneut zwischen Leben und
Kunst, zwischen Kunst und Dichterin und last but not least zwischen
Leben und Dichterin und fordert von ihr einen neuen Anfang vom
Ende her.
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