Elke Heinemann
 

Die Dichterin. Eine Art Porträt

 

 
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Die Dichterin sitzt und spitzt Stifte und Ohren, allzeit bereit, der Stimme ihres Hirns zu folgen, des-sen dunkle Gänge (so stellt sie sich das vor) zu aller-höchsten Höhen führen, wo ihr Flehen um Ideen er-hört werden mag von jenem Geist, der sie nicht ver-lassen soll. (Doch nur sie selbst, bemerkt ein nicht zufällig hier anwesender Kreativitätsforscher, sieht man in traumdurchtoster Nacht durch das finstere Gefängnis ihres Schädels irren wie durch einen ro-mantischen Schauerroman.) Die Dichterin weiß da-von nichts, sie weiß nur, dass sie nichts wissen soll, will und kann über das, was sich in ihrem verstiege-nen Oberstübchen abspielt, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Ein neurologischer Defekt (sagt der Krea-tivitätsforscher), der „Dichtung“ heißt, weil hier mit der Urkraft des Sisyphos versucht wird, zu dichten, was sich nicht dichten lässt, die Kindheitswunde nämlich, die die Dichterin von allem und allen ande-ren trennt, von den biederen, für Zeugung, Wartung und Pflege kunstproduzierender Personen denkbar ungeeigneten Mittelschichtseltern selbstredend, von der omnipotenten und -präsenten Mama (schon blickt man von der Galerie auf sie herab, wie sie im Zirkusrund die Peitsche schwingt), vom schwachsin-nigen Papa (Logorrhöeiker von Geburt, dessen lee-res Geschwätz zu schizophrener Sprachmanie mu-tiert) und last but not least von sich selbst. (Und der Geist, wo bleibt der Geist? mag man sich fragen, doch vergeblich, denn er hat sich aufgegeben, heißt es.) Ganz willkürlich vollzieht sich die Dichtung (sagt der Kreativitätsforscher) ohne den Willen der Dichterin, der genauso unfrei ist wie die Gedanken, die sie unfreiwillig kopiert. Könnte ich doch, denkt die Dichterin, Sätze voll Pathos und Melancholie empfangen wie jener Schriftsteller, der den Nach-mittag eines Schriftstellers beschreibt. (Man stelle sich stattdessen als Titel „Nachmittag einer Dichte-rin“ vor, der, so stellt sich die Dichterin vor, einen Beitrag in einer Damenzeitschrift überschreiben könnte, in der man das Arbeitszimmer (habitare) der aus Anlass des Artikels schlicht-elegant eingeklei-deten Autorin (PRADA) vierfarbig präsentiert, ihre zahme Sprechdohle Inge Borg und last but not least den hurtigen Mops Marzel. Auch könnte es ein Ka-pitel in einem verschollenen Roman der Droste sein, grübelt die Dichterin weiter, in dem ein durch gotische Fensterbögen schießender Sonnenpfeil den Geruch des Siegellacks jenes auf dem Kirschholzse-kretär liegenden Briefes atomisiert, der unvermeid-lich zu Missverständnissen führen wird und somit zu weiteren Romankapiteln – schön, schön war die Zeit...) Wenn der Schriftsteller also an einem Nach-mittag seine Prosa nicht nur mit dem zuckenden Schatten eines Vogels zu beleben versteht, sondern auch mit Hundegebell, den Geräuschen von Motor-sägen und Lastkraftwagen, Schreien und Pfiffen aus Schul- und Kasernenhöfen, kurz, mit Dissonanzen des Alltags, die jeden normalen Menschen nach Ansicht der Dichterin allmählich und gründlich in den Wahnsinn treiben können, dann mag er sich zu Recht demütig vor dem Blatt verneigen, bevor er seinen Weg durch das Leben außerhalb der Kunst aufnimmt. Die Dichterin ringt derweil innerhalb der Kunst um jedes klang- und/oder sinnstiftende Wort, das dem Leben Schönheit und/oder Bedeutung geben könnte, um sich alsdann mit zum Gebet verschlungenen Fingern dem Blatt zu Füßen zu werfen. Und während der Schriftsteller mit dem Leben und der Kunst Frieden schließt, der örtlichen Kapelle eine Glocke stiftet und vor sich selbst erbebt, ohne dass jemand auch nur ein wenig Selbstironie von ihm forderte, schreibt die Dichterin flugs Postkarten an einen unvermeidlich unerbittli-chen Geliebten, der leider kein idealer, sondern ein bestsellerverwöhnter Leser ist und damit viel zu alltäglich für Musenküsse. Die Form erlaubt ihr, ich zu schreiben und ich zu meinen, obwohl sie sonst dazu neigt, ich zu schreiben ohne ich zu meinen, während der Schriftsteller sein zögerliches, generell zum Abbrechen im Leben und in der Kunst neigendes Wesen zwar nicht „Ich als Schriftsteller“ nennen möchte, es aber immerhin „Schriftsteller als ich“ nennen kann und dies auch ohne zu zögern oder abzubrechen tut. Soviel für heute über den kleinen Unterschied zwischen Leben und Kunst, Frau und Mann, Dichterin und Schriftsteller. Oder dürfen es vielleicht doch ein paar Zeilen mehr sein? Dann werfen wir noch einen Blick in die Karten, die die Dichterin an den unvermeidlich unerbittlichen Geliebten schreibt, den sie mit Wucht in das Ohn-machtsmuster ihrer Kindheit presst, indem sie ihn ohne sein Wissen, Zutun oder Bestreben auf den el-terlichen Thron hievt, ein Supermann als Super-Ego, dem sie ihren Körper und ihre Kunst zum Opfer bringen will. Ein schönes Haus möchte sie für ihn aus den Karten bauen, ein Einehehäuschen, das er mit Leichtigkeit zerstören wird. Doch unerfüllte Lei-denschaft erfüllt die Dichterin mit umso größerer Schaffenskraft. Eifrig sucht sie nach einer Sprache der Liebe, um Hoch- statt Missachtung zu erzielen. Muss sie doch (so erläutert der Kreativitätsforscher) ihr Dasein schwarz auf weiß unter Druck beweisen, und zwar sowohl dem unvermeidlich unerbittlichen Geliebten als auch den literarischen Moden, Märk-ten, Meinungsmachern und Machthabern, den bie-deren, für Zeugung, Wartung und Pflege kunstpro-duzierender Personen denkbar ungeeigneten Mittel-schichtseltern und last but not least sich selbst, selbst wenn sie nicht weiß, wer sie selbst ist. Wer bin ich? fragt die Dichterin ihr Spiegelbild. Aber ihr Spiegel-bild antwortet nicht. Erkenne dich selbst! sagt die Dichterin zu ihrem Spiegelbild. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Erkenntnis, so wie Selbstge-machtes der erste Schritt zur Macht ist. Deshalb will die Dichterin machen, was sie noch nicht gemacht hat. Einen Roman, zum Beispiel, etwas Einge-machtes, das man zu allen Jahreszeiten im Haus hat, eine Buchstabensuppe, die sie umso mehr begehrt, ist sie wieder aufgewärmt. Von Krieg und Frieden ist die Rede, von Schuld und Sühne wie in allen Romanen in der Geschichte des Romans. Die Dich-terin erfährt dabei die ferne Lenkung durch das Wort, die übrigens auch dem Schriftsteller bekannt ist. Kaum wagt sie es, das Blatt mit Zeichen zu be-decken, wenn eine Stimme von außen auf sie einzu-reden scheint, obwohl sie laut und deutlich in ihrem Innenhirn ertönt. Nicht die Dichterin ist es, die spricht, aber sie ist es, die schweigt, wenn der unver-meidlich unerbittliche Geliebte, der leider kein idea-ler, sondern ein bestsellerverwöhnter Leser ist, die literarischen Moden, Märkte, Meinungsmacher und Machthaber und last but not least die biederen, für Zeugung, Wartung und Pflege kunstproduzierender Personen denkbar ungeeigneten Mittelschichtseltern sie mit Schmutz bewerfen, der ihr von nun an, wie nach einem bösen Fluch, statt Sprache aus dem Mund zu quellen scheint. Verloren sind die Wörter, verlassen ist sie von ihrem Geist und von allen guten Geistern sowie von den biederen, für Zeugung, War-tung und Pflege kunstproduzierender Personen denk-bar ungeeigneten Mittelschichtseltern, vergessen wird sie vom unvermeidlich unerbittlichen Gelieb-ten, den literarischen Moden, Märkten, Meinungs-machern und Machthabern und last but not least von sich selbst. Ihr Leben könnte nun so enden wie be-rühmte Romane beginnen, aber da zwängt sich die always tückische deutsche Sprache erneut zwischen Leben und Kunst, zwischen Kunst und Dichterin und last but not least zwischen Leben und Dichterin und fordert von ihr einen neuen Anfang vom Ende her.

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