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Erster Fall: Die große schwere
Dame flattert wie ein aufgescheuchtes Insekt umher. Ihre hochgesteckte
Frisur löst sich, das schwarze Haar fällt auf die nackte
Schulter, die das zerrissene Unterkleid aus Gaze, das seidene Korsett
mit den Strumpfbändern fast nicht mehr halten kann. Noch weisen
die Reste der kunstvollen Frisur, der kostbaren Wäsche sie
als Dame aus; bald wird sie lediglich die Nummer sein, die man
in ihre Haut ritzt. Wenn sie es soweit überhaupt schafft.
Sie bleibt stehen, atmet heftig, trippelt in Lackschuhen weiter.
Sie ist umgeben von gröhlenden SS-Soldaten, die ihr die Kleider
nehmen, die Pelze, den Schmuck, die sie mit Gewehren herumstoßen
wie ein Tier. Ein Kamerad filmt die Szene, die mehr als ein halbes
Jahrhundert später im Fernsehen zu sehen ist. Die Zuschauerin
könnte sich für die schamlosen Soldaten schämen
oder mit der beschämten Dame. Aber sie schämt sich, weil
sie das Gerät nicht ausschaltet, obwohl sie das, was sie sieht,
nicht gern sieht. Sie schämt sich ihres Voyeurismus, der sich
an einem realen Schicksal delektieren kann, als wäre es eine
Hollywoodphantasie. Dennoch wird sie über eine andere Art
der Scham schreiben. Sie wird über die Scham schreiben, die
keine flüchtige, durch Indiskretion hervorgerufene Gefühlsreaktion
ist, sondern ein toxischer Zustand. Sie wird über die Scham
schreiben, die den Menschen inwendig zersetzt, die ihn zu überleben
droht.
Zweiter Fall: Am Morgen seines dreißigsten Geburtstags
ereignet sich das Unerwartete. Der Ange-stellte Josef K. wird
in seiner Wohnung verhaftet. Auch hier gleicht das Geschehen
einem bösen Traum, auch hier erregt es die Aufmerksamkeit
einer Zuschauerin, einer greisen Nachbarin, die vor ihrem Fenster
sitzt wie vor einem Fernseher, auch hier wird der Vorgang aufgezeichnet,
jedoch nicht von einem deutschen Hobby-Filmer in SS-Uniform,
sondern von dem jüdischen Dichter Franz Kafka. Ob-wohl
Josef K., der Protagonist seines Romans „Der Prozess“,
sich keiner Schuld bewusst ist, muss er sich einem undurchschaubaren
Verfahren aussetzen, das ohne Hauptverhandlung endet, aber mit
dem Todesurteil. Am Vorabend seines einunddreißigsten
Geburtstags wird K. von zwei Herren in ei-nem Steinbruch abgestochen. „Wo
war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob
die Hände und spreizte alle Finger. Aber an K.s Gurgel legten
sich die Hände des einen Herrn, während der andere
das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.
Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem
Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beob-achteten. ‚Wie
ein Hund!’ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“
Ein Vierteljahrhundert liegt zwischen dem Überfall auf
die Dame und der Verhaftung des Angestellten Josef K. Das erste
Ereignis ist historisch, das zweite, ältere, gleichsam
auf die Geschichte vorauswei-sende, fiktiv. Aber im Unterschied
zu der Dame, deren Namen kaum jemand kennen dürfte, wurde
K. als moderner Romanheld von trauriger Gestalt weltberühmt.
Gleichwohl sind beide unfreiwillige Prota-gonisten im Spiel der
Mächtigen. Ähnelt doch das Geschehen hier wie dort
einer grotesken Insze-nierung, einer schwarzen Komödie,
die mäßig begabte Amateurschauspieler einem sensationsgeilen
Publikum darbieten. Und so ist auch der Verlust der Intimität
die erste Auswirkung der neuen Situation, in der sich K. und
die Dame befinden. Dort, wo sie bisher unbeobachtet waren, sind
sie jetzt den Blicken anderer ausgesetzt.
Der Blick des anderen ist Ausgangspunkt ungezählter Überlegungen
zum Thema „Scham“, die seit den ersten flüchtigen
Anmerkungen Darwins und Freuds publiziert worden sind. „So
weit ich die einzelnen Äußerungen des Schamgefühls überblicke,“ schreibt
beispielsweise der Soziologe und Philosoph Georg Simmel zu Beginn
des vorigen Jahrhunderts, „ist ihnen allen eine starke
Betonung des Ichgefühles gemeinsam, die mit einer Herabdrückung
desselben Hand in Hand geht. Indem man sich schämt, fühlt
man das eigene Ich in der Aufmerksamkeit anderer hervorgehoben
und zugleich, dass diese Hervorhebung mit der Verletzung irgendeiner
Norm (sachlichen, sittlichen, personalen) ver-bunden ist. Die
gar nicht zu vereinheitlichende Mannigfaltigkeit der Beschämungsgründe
findet nun in diesem an sich sehr leeren Schema zunächst
dadurch Raum, dass der gefühlte Gegensatz unserer Subjektivität
gegen eine Norm sich auf unübersehbar viele Arten verwirklicht.“
Simmel analysiert dieses Missverhältnis allerdings nicht,
das hier genauer betrachtet werden soll. Viel-mehr behauptet
er, dass der relevante andere ersetzt werden kann durch jene
innere Instanz, die sich zum eigenen Ich verhält wie ein
Subjekt zu einem Objekt, die es observiert, be- und verurteilt,
als wäre sie eine dritte, missgünstige Person. Die
beschriebenen Vorgänge scheinen jedoch auszusetzen, wenn
der einzelne kein für sich selbst und für andere erkennbares
Ganzes repräsentiert sondern den anonymisierten Teil eines
Ganzen, einer militärischen Truppe zum Beispiel. In diesem
Fall sieht Simmel die Voraussetzungen des Schamgefühls
aufgehoben, und zwar „sowohl die Selbständigkeit,
das Befasstsein in eigener, individuell begrenzter Sphäre,
wie die Bildung der normierenden Vorstellungen; ohne die eine
kann es nicht zu der Betonung, ohne die andere nicht zu der Herabdrückung
des Ich kommen.“ Auf diese Weise ließe sich die Unverschämtheit
der SS-Solda-ten erklären, die die Dame bedrängten,
oder die Ungeniertheit der Wachmänner, die K.’s Frühstück
vor seinen Augen, wie er empört berichtet, „schamlos
aufgegessen hatten.“ Nicht erklären lässt sich
so das Verhalten der beiden Verhafteten – reagiert doch
die Dame mit Panik auf den Überfall und K. mit Protest.
Tatsächlich befindet sich die Dame in einem Zustand sprachloser
Verwirrung, dem neben Todes-angst auch jenes Schamgefühl
zugrunde liegen dürfte, das auf der Verletzung der Intimsphäre
beruht. Unwahrscheinlich ist hingegen, dass sie sich für
sich selbst schämt, weil man ihr Leben als „unwert“ definiert.
Und die generalisierenden, sich gegen alle Juden richtenden
Schuldzuweisungen, die die Befehlshaber ihrer Peiniger propagieren,
entbehren jeder logischen Argumentation. Die Schuld des einzelnen
wiederum setzt eine bewusste oder unbewusste, vorsätzliche
oder fahrlässige Verfehlung voraus, eine Unterlassung
oder eine Tat, ausgeführt oder imaginiert. Aber die Dame
wird nicht wegen eines Vergehens festgenommen, sondern weil
sie so ist, wie sie ist. Darin gleicht ihr Schicksal dem des
Angestellten Josef K.
Denn K. wird ebenfalls verhaftet, „ohne daß er et-was
Böses getan hätte“. Die Wachmänner behaupten
allerdings, dass das Gericht, dem Gesetz zufolge, von der Schuld
angezogen werde. Als K. behauptet, schuldlos zu sein, offenbart
er zugleich, dass er das Gesetz nicht kennt. „Desto schlimmer
für Sie“, antworten die Wachmänner, die offenbar
in der Unkenntnis des Gesetzes bereits einen Schuldbeweis sehen, „Sie
werden es zu fühlen bekommen.“ „Ich bin aber
nicht schuldig“, insistiert K. im Gespräch mit dem
Gefängniskaplan, „es ist ein Irrtum. Wie kann denn
ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle
Menschen, einer wie der andere.“ – „Das ist
richtig“, sagte der Geistliche, „aber so pflegen
die Schuldigen zu reden.“ Illustriert werden diese Szenen
durch das behelfsmäßige Dejeuner, das K. am Morgen
seiner Verhaftung einnimmt, nämlich „einen schönen
Apfel, den er sich gestern abend für das Frühstück
vorbereitet hatte.“
Der Zeichencharakter dieser Mahlzeit ist kaum zu übersehen.
Steht doch der Apfel im Fokus ungezähl-ter Gemälde,
die den biblischen Sündenfall zeigen. Franz Kafka hat sich
mit dieser Bibelstelle mehrfach befasst, ohne sich für ihren
moralischen Aspekt zu interessieren. Vielmehr bot ihm seine Bibellektüre
Anlass, eigene erkenntniskritische Reflexionen zu formulieren.
In der Forschung scheint es keinen Hinweis darauf zu geben, dass
sich vermittels dieser Aphorismen das enigmatische Ende des Romans „Der
Prozess“ erläutern lässt.
Hat sich doch, diesen Ausführungen zufolge, der Mensch
im Paradies nicht nur von Gott getrennt, sondern auch von sich
selbst: Denn Erkenntnis vollzieht sich, laut Kafka, im Prozess
der Unter-scheidung zwischen sterblichem und ewigem Leben, zwischen
empirischer Wirklichkeit und idealem Da-sein, das nur „ahnungsweise“ erfasst
werden kann. Um diese Dichotomie aufzuheben, will der Mensch
von dem zweiten verbotenen Baum essen - nach Kafka der eigentliche
Grund für die Vertreibung aus dem Paradies. „Wir sind
nicht nur deshalb sündig, weil wir vom Baum der Erkenntnis
gegessen haben“, folgert er, „sondern auch deshalb,
weil wir vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben. Sündig
ist der Stand, in dem wir uns befinden, unabhängig von der
Schuld.“
Mit anderen Worten: Der Mensch ist, so wie er ist, defizitär,
unvollkommen in seinem vergeblichen Be-mühen um Vollkommenheit,
unfähig, einem göttlichen Ideal zu entsprechen oder
einer höheren Instanz zu genügen, die im Roman „Der
Prozess“ als „Gesetz“ bezeichnet wird. Sein
Versagen manifestiert sich in Minderwertigkeitsgefühlen,
die sich, verdrängt und unterdrückt, zu einem psychischen
Komplex verdichten. Der Kontrolle des Ich entzogen, wirkt er
wie ein Fremdkörper im Seelenleben und offenbart sich, „unabhängig
von der Schuld“, als jene Scham, die den Menschen überleben
könnte.
Es mag nicht überraschen, dass Kafkas Reflexionen der
psychoanalytischen Diskussion in gewisser Weise nahestehen:
Wird Scham in der älteren Literatur als Vorläufer
des Schuldaffekts gedeutet, so ergründen neuere Forschungen
ihre Funktion in Beziehungsprozessen sowie ihre Bedeutung
für die Ausbildung von Erkenntnis, psychischer Struktur,
Identität. Der Analytiker Günter H. Seidler bezieht
sich in seinem Grundlagenwerk zum Thema „Scham“ gar
auf den Verlauf der Ereignisse im Garten Eden: Als die Menschen
erkennen, dass sie nackt sind, bedecken sie bekanntlich ihre
Blöße und verbergen sich im Wald vor Gott. Im Erkennen
vollzieht sich, Seidler zufolge, die Unterscheidung zwischen
Ich und Nicht-Ich, in der der Ursprung der Selbstreflexivität
vermutet wird. Die Fähigkeit des Menschen, sich selbst
als Objekt wahrzunehmen, ist demnach zugleich Voraussetzung
für das Empfinden von Scham, das durch einen realen oder
imaginierten Dritten, den biblischen Gott beispielsweise, evoziert
wird. Zudem ist Selbstreflexivität, nach Seidler, ver-bunden
mit der Einsicht in die eigene Begrenztheit, die sich im Schamaffekt äußert
- sie ist das Merkmal, das den Menschen von Gott unterscheidet,
das ihn im Vergleich mit ihm minderwertig und ohnmächtig
erscheinen lässt: „In der Logik dieses Gedankens
liegt es, wenn der Lebensbaum – als Ausdruck der Ungeschiedenheit,
der Ungebrochen-heit – im präreflexiven Raume bleibt.“ Und
das heißt im Paradies, aus dem der Mensch von Gott ver-trieben
wurde.
Es scheint, als fasse der Analytiker Scham als einen Affekt
auf, der zwangsläufig aus der psychischen Evolution resultiert.
Vergleicht doch der Mensch, wie er ihn schildert, seine reale
mit einer idealen Verfassung und erfährt sich dabei als
minderwertig. Seidlers Darstellung, die hier an Kafkas Bibellektüre
denken lässt, entspricht einer geistigen Tradition, die
den Erhalt von Hierarchien fördert, indem sie die Grundsituation
des Menschen als ausweglos ohnmächtig kennzeichnet: Demzufolge
ist er unfähig, sich so, wie er ist, zu achten, demzufolge
muss er sich an Idealen orientieren, denen er nicht standhalten
kann - sei es der biblische Gott, das „Gesetz“, das
Ideal- oder Über-Ich. Aber Missachtung und unverhältnismäßige
Vergleiche sind Strategien der Machthaber. Und die Scham ist
die Sprache der Unterdrückten.
Zwar hat auch Franz Kafka in seinen philosphisch-psychologischen
Aphorismen die Entwicklung menschlicher Erkenntnis so geschildert,
als müsse aus ihr ein defizitäres Selbstbewusstsein
resultieren. Andererseits hat er in all seinen Romanen und Erzählungen
gezeigt, dass Scham stets bedingt ist durch einen sozialen, das
Individuum unterdrückenden Kontext. Bedeutsam scheint in
diesem Zusammenhang seine Behauptung, die Dichtung habe es ihm
ermöglicht, sein problematisches Verhältnis zu Hermann
Kafka zu verarbeiten, den er in dem semi-fiktiven „Brief
an den Vater“ als selbst-gerechte, willkürlich be-
und verurteilende „letzte Instanz“ beschreibt, als
unerreichbares „Maß aller Dinge“. Eher literarisches
denn autobiographisches Zeugnis gibt der Brief gleichwohl einen
Einblick in die Seelenlage des Autors, der in der Familie des
Patriarchen angeblich als „Sklave, lebte, unter Gesetzen,
die nur für mich erfunden waren und denen ich überdies,
ich wusste nicht warum, niemals völlig entsprechen konnte“.
Auch andere Quellen weisen daraufhin, dass der „Vater zu
stark“ war für dieses feinnervige, nach der Mutter
geratene Kind, das in seinen Albträumen darunter litt, ein „Nichts
für ihn“ zu sein: „Ich hatte vor Dir das Selbstvertrauen
verloren, dafür ein grenzenloses Schuldbewusstsein eingetauscht.
(In Erinnerung an diese Grenzenlosigkeit schrieb ich von jemandem
einmal richtig: ,Er fürchtet, die Scham werde ihn noch überleben.’).“
Nur als Schriftsteller – so deutet dieses auf das Ende
des Romans „Der Prozess“ bezugnehmende Zitat an – kann
er versuchen, die durch den Vater erfahrenen Entwertungen zu
bewältigen. Sein „großes Trotzdem“, wie
Kafka das Schreiben nennt, gleicht allerdings dem Stein des
Sysyphos: Konfrontiert er doch sich selbst und seine Figuren
immer wieder mit dem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft,
ohne eine Lösung anbieten zu können.
„Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit
berufen zu wirken, er muss aber an seiner Eigentümlichkeit
Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man
sowohl in der Schule als auch zu Hause darauf hin, die Eigentümlichkeit
zu verwischen,“ schreibt Kafka dazu in ei-nem wenig beachteten,
fragmentarischen Essay. Vergeblich habe er beispielsweise versucht,
sich ge-genüber seinen Eltern zu behaupten, als sie ihm
mit „Berufung auf die Allgemeinheit“ verboten, im
Bett zu lesen („Alle gehen schlafen, also musst auch du
schlafen gehen.“). Die Unterdrückung seines Anliegens
deutete er als Verurteilung seiner „Eigentümlichkeit“.
Indem er sich in der Folge dieser Erfahrung ständig in
Frage stellte, war es ihm unmöglich, Selbstvertrauen zu
entwickeln: „Vielmehr war die Folge des Vorzeigens einer
Eigentümlichkeit die, dass ich entweder den Unterdrücker
hasste oder die Eigentümlichkeit als nicht vorhanden erkannte,
zwei Folgen, die in lügenhafter Weise sich auch verbin-den
konnten. Hielt ich aber eine Eigentümlichkeit verborgen,
dann war die Folge die, dass ich mich oder mein Schicksal hasste,
mich für schlecht oder verdammt ansah.“ Unter den
wertenden Blicken der Eltern versuchte er vergeblich, sich bis
zur Selbstaufgabe anzupassen: „Das war keine Täuschung,
sondern nur eine besondere Form der Erkenntnis, dass, zumindest
unter Lebenden, sich niemand seiner selbst entledigen kann.“
Diese „besondere Form der Erkenntnis“ ist von zentraler
Bedeutung für ein literarisches Werk, in dem gleichwohl
keine Zwangslage aufgelöst wird: Treibt doch Kafka seine
Figuren in die Selbstverleugnung, in die Verdrängung, die
sich, wie Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer zeigt,
als physische Entstellung offenbaren kann oder, wie im Fall des
Angestellten Josef K., als Komplex aus belastenden Vorstellungen
und Gefühlen, der in Gestalt der Scham ein Menschenleben
zu überdauern scheint.
Dritter Fall: Es ist Abend, ich liege in meinem Bett, ich kann
nicht schlafen („Alle gehen schlafen, also musst auch du
schlafen gehen.“). Ich bin fünf, mein Vater ist auf
einer Dienstreise, meine Mutter sitzt in der Diele und telefoniert,
ab und zu steht sie auf, geht ins Wohnzimmer, wo der Barschrank
steht, und füllt ihr Glas. Dann telefoniert sie weiter.
Es ist spät, ich höre ihre Stimme, ich kann nicht schlafen,
die Stimme wird lauter, sie gellt durch die Nacht, ich höre
Türen schlagen, ich stehe auf. Ich bin fünf, und ich
bin allein, mein Vater ist auf einer Dienstreise und meine Mutter
ist nicht zu sehen, die Wohnungs-tür steht weit auf, in
allen Zimmern brennt Licht, der Telefonhörer baumelt an
seiner Schnur, ich nehme ihn in die Hand. Deine Mutter, sagt
die Stimme meines Vaters am anderen Ende, hatte eine schwere
Kindheit. Ich bin immer noch fünf, als ich versuche, nicht
mehr fünf zu sein. Ich weiß nicht, ob ich wieder
fünf bin, als ich den Hörer auflege, ich weiß ich
nicht, ob ich noch fünf bin, oder nicht mehr fünf,
oder ob ich gar nichts bin, ein Nichts in einem viel größeren
Nichts. Mein Vater ist auf einer Dienstreise, und wenn er nach
Hause kommt, muss er seiner Frau helfen, gegen das Nichts anzukämpfen.
Ich spiele da nicht mit, ich will auch auf keinen Fall mehr fünf
sein, und so beginne ich zu schreiben, das ist der Ausweg aus
dem Nichts. Den Schlüssel zu dem Versteck, in das ich das
Nichts sperre, trage ich mit mir, als ich am Morgen meines 14.
Geburtstags von meinen Eltern zur Rede gestellt werde, ohne dass
ich etwas Böses getan hätte. Alles, was ich geschrieben
habe, wird gelesen, alles, was ich geschrieben habe, wird vernichtet,
alles, was ich bin, ist vernichtet, schämen sollte ich mich,
ich werde nie mehr fünf sein wollen, überhaupt will
ich mein Leben zurückgeben, aber man lässt auch das
nicht zu. Als ich erwache, trage ich Schminke auf, bis ich das
Gesicht im Spiegel nicht mehr erkenne. Irgendwann beginne ich
wieder zu schreiben, ich bin schon lange nicht mehr fünf,
als ich alles, was ich geschrieben habe, zusammen mit der Maske
ver-nichte. Als ich erneut anfange zu schreiben, bin ich wieder
fünf, der Atem stockt, ich bin, obwohl ich nicht sein dürfte.
Doch da das, was ich geschrieben habe, nicht gedruckt wird, ist
dort, wo ein Ich sein sollte, immer noch das Nichts. Noch ist
es nicht sicher, aber es scheint, als sollte ich die Scham überleben.
Trotzdem.
Literatur
Franz Kafka, Der Prozess (1914), in: Gesammelte Werke, hg.
von Max Brod, Frankfurt am Main 1950/ hg. von Malcolm Pasley,
Frankfurt
am Main 1990
Georg Simmel, Zur Psychologie der Scham (1901), in: Schriften
zur Soziologie, hg. von Heinz-Jürgen Dahme e.a., Frankfurt
am Main 1983
Günter H. Seidler, Der Blick des Anderen. Eine Analyse
der Scham. Mit einem Geleitwort von Léon Wurmser, Stuttgart
1995
Franz Kafka, Brief an den Vater (1919), in: Nachgelassene Schriften
und Fragente II. Kritische Aus-gabe, hg. von Jost Schillemeit,
Frankfurt am Main 1992
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