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#Ausgezeichnet – Band über die Preisträgerinnen und Preisträger des Literaturpreises Ruhr

Ein schöner Leinenband wurde nun dem Literaturpreis Ruhr als ehemaligem Werkpreis gewidmet: „Ausgezeichnet“, herausgegeben vom Regionalverband Ruhr (RVR) und erschienen im Dortmunder Verlag Kettler, enthält 33 Porträts von den Preisträgerinnen und Preisträgern der Jahre 1986 – 2018. Die Autoren sind Volker W. Degener, Jens Dirksen und Hannes Krauss, der über mich folgendes schreibt:
 
Geboren wurde Elke Heinemann 1961 in Essen, wo sie aufwuchs, zur Schule ging und später an der neugegründeten Universität Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte. Nach Auslandssemestern in Grenoble und Oxford machte sie einen Magisterabschluss an der Freien Universität Berlin und promovierte dort anschließend über William Beckford, einen wenig bekannten englischen Schriftsteller, Kritiker und Sammler des 18. Jahrhunderts, der als Wegbereiter der Moderne große Bedeutung hat. Elke Heinemanns Hang zu eher abseitigen Themen und Genres deutete sich schon in der Wahl ihres Dissertationsthemas an. Sie ist aber nicht nur eine „gelehrte Dichterin“, sondern hat auch die Henri-Nannen-Journalisten-Schule in Hamburg absolviert. Neben Romanen, Kurzprosa und Gedichten verfasst sie regelmäßig journalistische Texte (Kolumnen, Rundfunkfeatures, Audioblogs). Sie lebt in Berlin und auf der griechischen Insel Naxos.
Mit dem Literaturpreis Ruhr wurde sie für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Dazu gehören Romane (wie Der Spielplan. Ein Liebesroman (2006), Kiss off. Bestseller in Echtzeit (2008) oder Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo(2015)), Monografien (über Meret Oppenheim (2006) und William Beckford (2000) und Rundfunkfeatures über Ezra Pound (2017), Helmut Heißenbüttel (2013), Ernst Ludwig Kirchner (2008) oder Nicolas Born (1998). Letzterer, wie sie ein Kind des Ruhrgebiets, das in die Welt gezogen ist und doch immer von seiner Herkunft geprägt war, wird zur wichtigen Referenzfigur für Elke Heinemann. In einer aus Anlass der Preisverleihung verfassten Selbstauskunft klingt das so: „Als junge, noch in Essen lebende Leserin hat mich Émile Zolas sozialkritischer Roman Germinal, in dem es um das Elend der Bergarbeiter im Frankreich des 19. Jahrhunderts geht, genauso begeistert wie der im Ruhrgebiet spielende Erzählungenband Täterskizzen von Nicolas Born. Das Ruhrgebiet habe ihn immer wieder eingeholt, hat Born gesagt, die Bilder vom Dreck, der Steinstaub auf den Stimmbändern, er sei unzufrieden geblieben. Auch ich, die Nachgeborene, habe irgendwann angefangen zu schreiben, weil ich unzufrieden war. Vielleicht klebt auch ein wenig Steinstaub auf meinen Stimmbändern. Aber es sind andere Bilder als die vom Dreck, die meine Kindheit im Ruhrgebiet geprägt haben. (…) Wenn man den Ort, in dem man geboren und aufgewachsen ist, früh verlassen hat, trägt man ihn wie ein Heimatmuseum in sich.“ (die horen, 2019)
Ihr Interesse für sozialkritisch-realistisches Schreiben hinderte Elke Heinemann allerdings nicht, für sich selbst andere Vorbilder zu suchen. Die fand sie in der „sprachkritisch-experimentellen Literatur (…), die mit Identifikationen bricht. Vermittels Fantasie, Intertextualität, Sprachspiel und Forminnovation werden die Grenzen der Wahrnehmung ausgelotet und neue Erfahrungsräume erschlossen. Die Figuren sind Kunstgestalten, die Texte Versuchsanordnungen.“ (Selbstauskunft, 2019) Heinemanns Texte geraten mitunter in die Nähe des Surrealismus, mit dem sie sich auch theoretisch befasst hat.
Das wird unter anderem in ihrem jüngsten Roman deutlich: Fehlversuche. Kein Kinderbuch (2018). Die Geschichte der anfangs sechsjährigen Elisa, die in den 1960er-Jahren irgendwo im Ruhrgebiet in der „Hölle“ ihrer Kleinfamilie aufwächst (Vater höherer Beamter, Mutter alkoholkrank), ist kein Buch über eine konkret identifizierbare, individuelle Kindheit, sondern eines über eine vorstellbare. Obwohl der Text erschreckend detailliert von Elisas Hölle berichtet, vom Dauer-Rendezvous der Mutter mit „Herrn Jägermeister“ und ihren Fernsehabenden mit Rudi Carrell, Ilja Richter oder Karnevals-Sitzungen, von den Versuchen, lallend mit Maria Callas im Duett zu singen, ist dies keine realistische Sozialreportage, sondern ein konstruierter Text, der Erzählkonventionen aufbricht und zuspitzt, der Sprache – nicht nur die der Mutter – künstlich vereinfacht, der Elisas schrecklichen Alltag in einer nicht weniger schrecklichen Wirklichkeit überlieferter Märchen spiegelt. Der Roman ist gespickt mit Anspielungen und Zitaten: aus Werbeslogans, Poesiealbum-Sprüchen, Weihnachtsliedern und Opernarien. Er überrascht mit Sprachspielen und metafiktionalen Reflexionen, aber er ist nie kopflastig, sondern – seinem Gegenstand zum Trotz – oft komisch und verführt gelegentlich sogar zum Lachen. Ein schmales Buch, das auf gut hundert Seiten gewichtige Themen wie Kindheit, Resilienz oder Identität so zur Sprache bringt, dass, wer es liest, auf Seite 115 noch lange nicht fertig ist damit.
Elke Heinemanns Werk lässt sich am ehesten in Paradoxien erklären. Es ignoriert Schreibregeln und Genregrenzen und bedient zugleich populäre Leseerwartungen; es vagabundiert durch die unterschiedlichsten Medien und ist doch originäre Literatur, es spielt mit den Möglichkeiten der Sprache und liefert zugleich erschreckend genaue Bilder der Realität.
Elke Heinemann ist – wie die Jurorin Ulli Langenbrinck in ihrer Laudatio für die Preisträgerin des Jahres 2018 resümierte – „eine beharrlich widerständige Autorin, die ebenso virtuos wie ironisch gesellschaftliche Klischees, die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und menschlicher Bedürfnisse und die Glaubenssätze und vermeintlichen Gewissheiten unserer Gegenwart seziert.“
Hannes Krauss in: Ausgezeichnet. Literaturpreis Ruhr – 33 Porträts, Verlag Kettler, Dortmund 2020
 
https://www.verlag-kettler.de/programm/ausgezeichnet-literaturpreis-ruhr
 
 

#Zum zweiten Mal: Briefe an einen Verstorbenen. Memorial für den Schriftsteller W.G. Sebald

Heute und morgen strahlt WDR 3 mein Feature über den Schriftsteller W.G. Sebald aus. Dazu schreibt der Literaturwissenschaftler und Sebald-Biograf Uwe Schütte: „Gratulation – die beste Sendung, die ich kenne. Wirklich hervorragend collagiert!“

Briefe an einen Verstorbenen
Memorial für den Schriftsteller W.G. Sebald 
WDR/DLF/SR 2020

WDR 3, 31.10.20, 12.04 -13 Uhr, 01.11.20, 15.04 – 16 Uhr Zum WDR-Feature

 

 

#Staatsoper Unter den Linden

Gefährliche Liebschaften II
Remix

(WDR/BR 2012)
Auszüge aus meinem Radiofeature im Programmheft zu „Quartett. ​Oper in zwölf Szenen und einem Epilog“ (2011). Musik und Text von Luca Francesconi nach dem gleichnamigen Schauspiel von Heiner Müller. Erstaufführung der deutschen Fassung. Musikalische Leitung: Daniel Barenboim. Inzenierung: Barbara Wysocka. Dramaturgie: Jana Beckmann. Staatsoper Unter den Linden, Berlin, diverse Termine 03.-18.10.2020

 

#Strandgänge

WDR 3 sendet heute und morgen mein neues Radiofeature

Natur an Autorin – Autorin an Natur
# Strandgänge

Es ist ein Audioblog, in dem es um das Schreiben über die Natur in der Natur geht, wie sie sich auf dem geologisch und mythologisch eindrucksvollem Strandgebiet von Llanddwyn Island in Nordwales zeigt.

Hier der link zur Sendung:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kulturfeature/audio-natur-an-autorin—autorin-an-natur-strandgaenge-100.html

 

#Frisch gedruckt: Gespräch mit Christoph Schlingensief

Frisch gedruckt: “Die Paranoia sitzt mir stets auf der Schulter”
Wiederabdruck meines Gesprächs mit Christoph Schlingensief (Galore. Das Interview-Magazin 02, 2. Quartal 2004) in „Christoph Schlingensief. Kein falsches Wort jetzt. Gespräche. Mit einem Nachwort von Diedrich Diederichsen.“ Hg. von Aino Laberenz, Kiepenheuer & Witsch, August 2020
Kein falsches Wort jetzt

#Becketts Knochen

Samuel Becketts Frühwerk „Echos Knochen“ ist nun auf Deutsch erschienen und ich habe es auf Fixpoetry vorgestellt:

Der Ur-Beckett
Samuel Becketts Initialwerk „Echos Knochen“ erscheint posthum (Suhrkamp 2019)
Fixpoetry/Besprechung, 05.02.20 Zur Rezension